Samstag, 4. April 2015

Intelligentes Material. Das Un-Ding, dem die Zukunft gehört

Was bedeutet überhaupt "Material"? Ist es das Gegenteil eines "Dings"? Ist es das Realste, was es gibt, oder eine reine Abstraktion und philosophische Spitzfindigkeit? Und ist es nicht paradox, von "intelligenten Materialien" zu sprechen? 


Material ist stumm. Das war von Anfang an so, denn schon der Urknall, in dem es entstanden sein soll, konnte nicht nur deshalb nicht gehört werden, weil es noch keine Ohren gab. Dieser Knall war kein lautliches Phänomen, er ist von Anfang an eine Metapher des Anfangs, eine Matrix / Mutter der Existenz alles Materiellen überhaupt.

Material bewegt sich nicht von selbst. Es ist passiv, träge, schwer und ruhend. Eine Totgeburt der Schöpfung, nichts als unförmiger Widerstand.

Material ist dumm. Selbst wenn es knarzt, weil es sich doch mal dehnt oder spannt, gibt es zwar Laut, ist aber immer noch stumm, weil dumm. Es hat uns nichts zu sagen.

Derzeit ist eine Revolution in Gang, die erste lautlose Revolution der Geschichte: Das Materialzeitalter ist angebrochen, und kaum einer hat davon gehört. Und doch: „Intelligente Materialien“ sind schon zum Schlagwort geworden! Zwar weiß man nicht, was dieser Ausdruck bedeuten soll, aber er hat Charme. Besticht er doch mit der Paradoxie, Intelligenz jenem Phänomen zuzusprechen, das unter allen Phänomenen dieser Welt das garantiert unintelligenteste ist: dem rein Stofflichen. Das klingt unterhaltsam, macht kurz Karriere in Medien, und ist schon wieder stumm – materialgerecht, könnte man sagen.

Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit – lang ist es her, dass Epochen nach Materialien benannt wurden. Heute erleben wir einen Stafettenlauf von Leittechnologien, die einander in immer schnellerer Folge ablösen in ihrer Faszinationskraft der Öffentlichkeit. Dampfmaschine und Eisenbahn prägten noch ein Jahrhundert, ebenso später das Automobil. Wie lange währte das Zeitalter des Fernsehens? Das des Computers, des Internet, der Gentechnologie, der drahtlosen Konnektivität elektronischer Minigeräte? Zu einem Medienhype bringt es technologische Innovation nur dann, wenn sie sich ins Gewand alter mythischer Bilder hüllen und mit überbordenden Heilsversprechen ausstatten kann. Die Gene versprachen erneut Zugriff auf den Wesenskern, der vernetzte Multimedia-Desktop platzierte das gute alte Auge Gottes auf den Schreibtisch, das Handy mutiert gerade zum universalen Zauberstab. Dass tote Dinge zum Leben erwachen können, zu sprechen beginnen und sich als beseelt (im Sinne von selbsttätig) erweisen, ist uns aus Märchen, Mythen und Träumen vertraut und aus der interaktiven Gerätewelt mittlerweile alltäglich gewohnt. Doch es sind stets Dinge, Objekte, denen wir lebendige Aktivität und auch intelligentes Kommunizieren zutrauen. Das Material ist eine Stufe des Seins unterhalb der Dinge, ist bloß das, woraus die Dinge gemacht sind. Wie sollte das Material selber aktiv und reaktiv auftreten können? Nicht einmal im Traum oder im Zeichentrickfilm kann Material ohne Objektform auftreten und als Nachtgespenst durchs Zimmer tanzen. Material bleibt prinzipiell stumm, dumm, träge und unanschaulich formlos. So sehen wir es als übrig gebliebener Bodensatz antiker Philosophien, frühneuzeitlicher Naturwissenschaften und praktischer Diskurse der Ingenieure. Wie sollte nun dieser dunkle amorphe Klumpen des Ungebrauchten plötzlich als „intelligent“ charakterisierbar geworden sein?


Auch wenn die mikroelektronischen „smart devices“ in ihrer Funktion und ihrem Innenleben für uns undurchschaubar sind, projizieren wir doch alltäglich unseren Maschinenbegriff des 19. Jahrhunderts in sie hinein und trösten uns über ihre Unanschaulichkeit damit hinweg, dass sie eben zu klein und zu kompliziert sind, um als Maschinen nachvollziehbar zu sein. Wir leben mit Black Boxes, kümmern uns nur noch um die Interfaces und begnügen uns mit dem Wissen um ein paar Anwendungen, die wir gern nutzen. Das Innere der elektronischen Maschinen hat sich verdunkelt, in der Black Box ist es so finster wie im Inneren eines Faustkeils. Haben sich die Maschinen dank Miniaturisierung nicht den Materialien angenähert, zumindest in der Alltagswahrnehmung?

Material ist unsichtbar. Hat schon jemand Materie ohne Form gesehen? Auch Rohstoff hat eine Form, eine rohe Form. Material nennen wir etwas, an dem wir eine Form wahrnehmen und den abstrakten Gedanken daran knüpfen, dass eine Form aus etwas bestehen muss. Material ist somit die Abstraktion eines Aspekts wahrgenommener Formen. Wir können nur Formen wahrnehmen, niemals Materialien. Und doch sind wir gewohnt, im Material dasjenige zu erblicken, was uns den Realitätsstatus einer Formwahrnehmung garantiert und diese von der bloßen Erscheinung, von medialer Repräsentation oder halluzinatorischem Trugbild unterscheidet.

Wir leben in einer materiellen Welt, haben ein materialistisches Weltbild, orientieren uns nach materiellen Werten und gleichzeitig kommt uns der Materialbegriff abhanden. Das ist beinahe schon tragisch. Postmaterialismus und die Entdeckung des Immateriellen bieten wenig Trost. Die Philosophen haben den Begriff Materie schon lange zu den Akten gelegt. Die Physiker versorgen uns seit hundert Jahren mit Todesnachrichten dieses Begriffs, der sich um so mehr auflöst, je genauer man ihn erforscht. Nostalgisch blicken wir zurück in jene Zeit, als das Atom (griechisch „atomos“ = das Unteilbare) noch als unteilbares kleinstes Teilchen der Materie galt. Man konnte sich ein materielles Ding darunter vorstellen, nur zu klein, um es mit freiem Auge zu betrachten. Ein kleines Ding, aus dem die größeren gebaut sind. Doch dann wurde es nicht nur geteilt und wieder geteilt, auch die Teilchen der Teilchen waren gar keine richtigen Teile mehr in dem Sinne, dass man sie sich wie Bauklötze vorstellen konnte. Die ganze Baumetaphorik des materialistischen Weltbilds stürzte ein! Worauf kann man aber noch bauen, worauf sich verlassen, wenn die Teilchen auch bloße Wellen oder überhaupt nur noch Wahrscheinlichkeiten auftretender Effekte und Anwesenheiten sind?

Die Physiker des 19. Jahrhunderts haben uns durch die Erforschung der Materie letzte Gewissheit, und damit Wahrheit über die Wirklichkeit versprochen, um dann im 20. Jahrhundert uns das Fundament jeglicher Realität, die wir auf die Idee der Materie gegründet hatten, unter den Füßen wegzuziehen. Die Atomisierung des Atoms in nichtmaterielle, nur aus messbaren Reaktionen maschineller Versuchsanordnungen modellhaft konstruierter und nur noch statistisch mathematisierbarer „Elementarteilchen“ zählt zu den großen Kränkungen des Menschen durch die Wissenschaft. Verstoßen aus dem Zentrum des Universums, selber bloß ein komplexeres Tier mit einem Geist wie eine Maschine und einer Seele, die nicht einmal Herr im eigenen Hause ist, verschwindet nun auch noch die Materie als Träger und Realitätsgarant aller Erscheinungen. Der Wille zum Wissen hat – nach einem kurzen manischen Delir in der Hochzeit des Materialismus, dem 19. Jahrhundert – sich in ein Zauberlehrlings-Syndrom verwickelt und wird die Folgen der Entzauberung nun nicht mehr los. Was trägt noch, wenn sich selbst die einst so handfeste, alltagsrobuste Materie als bloße Abstraktion und Illusion erweist?

In Brüssel wurde jüngst das Atomium aufwendig restauriert – als Denkmal einer vergangenen Epoche (des Atomzeitalters!) zieht es Touristen an, weil es als modernistische Absolutheitsinszenierung historisch geworden ist. Mater Materia, den „Atombusen“ damals innovativ mit „Bikini“ (benannt nach jenem Atoll, auf dem die Atombomben getestet wurden) geschmückt, nährte Hoffnungen auf endgültige Herrschaft über alles Materielle und – in Bombenform – über alle Länder der Erde gleich mit. Hast du das kleinste Teilchen, kannst du die Welt in ihre Einzelheiten zerlegen und neu zusammenbauen, so lautete die atomare Vision einer zweiten Schöpfung aus menschlicher Allmacht. Aufklärung, metaphorisch ein Programm, durch Zerteilen der Phänomene Licht in die dunkle Materie zu bringen, schien an ihr Ziel gelangt, und damit in ihre Krise. Der Griff ins Feste griff ins Leere. Denn zwischen den Teilchen ist leerer Raum – ein Mikrokosmos, dem Endlichkeit ebenso abgeht wie dem Makrokosmos.

Seither sind wir pragmatischer geworden mit unserem Wissen, versuchen nicht mehr, Alltagswissen mit Naturwissenschaft und Philosophie unter einen Hut zu bringen, und haben das Wort Wissen heimlich und systemwidrig in den Plural versetzt. Für das Hantieren mit Gebrauchsgütern, Artefakten, Rohstoffen und Werkzeugen sind wir zu Descartes und Marx zurück gegangen und haben beschlossen, die Vision des Atomiums trotz besseren Wissens beizubehalten. Nur so können wir unseren Glauben aufrecht erhalten, dass es eine materielle Welt gibt, der gegenüber man sich vernünftig und realistisch verhalten kann, und daneben etwas Nichtmaterielles, Geistiges, mit dem man sich beschäftigen kann, nachdem die Arbeitswoche vorbei ist. Als real gilt immer noch, was „man angreifen kann“, weil es aus Materie besteht. Das trifft zwar nur auf Festkörper innerhalb des menschlichen Gebrauchs zu, ist aber deshalb umso praktischer. Dieser simplen Ordnung zufolge wurde oft (selbst von Hegel in einer dunklen Minute) die Luft dem Geistigen zugeordnet, und nicht dem Materiellen. Praktisch eben (wenn auch nicht unter Wasser gültig...).

Mit dieser „realitätstüchtigen“ Entkoppelung der Alltagsbegriffe Materie und Material von Wissen und Reflexion ließe es sich gut weiter leben, wenn nicht die Alltagswelt selber von neuen Technologien in einer Weise verwandelt würde, die eine Anpassung der Begriffe und Vorstellungen von Realität an diese Realität nötig machte, um weiterhin die eigene „Welt“ zu verstehen. So ist es etwa immer noch gewöhnungsbedürftig, in Medien nicht etwas Geistiges, sondern etwas Materielles zu sehen, obwohl bereits ein großer Teil der uns umgebenden Oberfläche im Stadtraum Medienfläche ist.

Ebenso verschwinden zusehends jene Maschinen, die noch aus Teilen zusammengesetzt waren, welche aus Material gefertigt waren, die mechanischen Maschinen also, aus unserer Lebenswelt und werden durch elektronische Geräte ersetzt. Um einen Computerchip zu begreifen, ist jedoch ein kybernetischer Maschinenbegriff nötig, und der kommt ohne jeden Bezug zu einer bestimmten Materie aus, weil er nur mathematische Operationen und Steuerbefehlsketten umfasst.

Ausgestattet mit Mikroelektronik kommt uns der auf Materie, Ding, Maschine, Teil etc. basierende Realitätsbegriff gerade dort abhanden, wo er sein letztes praktisches Refugium gefunden hatte – im alltäglichen Umgang mit der Dingwelt, mit allem, was der Mensch angreifen kann.

Denn in der Hand halten wir meist das Handy, und in diesem wird Information in einer Weise prozessiert, die man ebenso gut als materiell wie als geistig beschreiben kann, wenn man denn alte Begrifflichkeiten weiter ziehen will. Silizium-Kristalle, in dünnsten Schichten gestapelt, ordnen schwache elektrische Ströme, die sich im Zusammenwirken mit deren Struktur selbst organisieren (Steuerung der Steuerung der Steuerung...). Und auch wenn man einen Chip nicht als intelligentes Material bezeichnet, so ist er doch das zentrale Symptom unserer technischen Kultur für die Konvergenz von Information und materieller Struktur zum medialen Objekt.

Es sind die neuen Dinge, die wir handhaben, die uns metaphysische Dualismen wie „Geist und Materie“ zunehmend abgewöhnen, nicht nur auf der Ebene der Philosophie, sondern des Verständnisses von Gebrauchsanweisungstexten. Die Informationsmaschinen sind nur von ihrer Informationsebene her zu begreifen, sie bestehen aus informierter Materie und das Programm ist in ihnen zum strukturierten Ding verfestigt. Die materielle Struktur ist Information, und die Information existiert nicht außerhalb einer informierten Materie.

Damit ist ein Modell des Verständnisses von Realität erreicht, das neue Sichtweisen auf das Phänomen Material eröffnet, deren Folgen, als technische Erfindungen, gerade erst zu wuchern beginnen. Die Materialwissenschaften sind im Aufwind, weil mit der Verabschiedung eines metaphysischen Vorverständnisses und aller baulichen Metaphern heute Fragestellungen möglich sind, die noch vor Kurzem undenkbar waren. In den wissenschaftlichen Modellen, die bei technischen Entwicklungen zur Anwendung kommen, bekommen philosophische Konzepte weit reichende praktische Wirkungen. Intelligentes Material muss denkbar sein, damit eine Versuchsanordnung konzipiert werden kann, in der sich die Möglichkeit schließlich als Wirklichkeit erweist.

Der alltagspraktische Begriff von Material hat bisher im Bereich des Bauens seine am wenigsten problematische Geltung behalten können. Umgekehrt ist die Erfahrungswelt des Bauens immer schon der metaphorische Bezugsrahmen, aus dem der Begriff Materie seine evidente Sinnhaftigkeit in Philosophie und Naturwissenschaft bezogen hat. Die Frage, „aus was etwas ist“, hat im Baugeschehen eine fraglose Relevanz.

Doch auch das Bauen wird komplexer. Steine oder Ziegel wie Atome aneinander reihen und auftürmen ist nicht mehr für alle Bauten charakteristisch. Schon bei der statischen Konstruktion eines Gefüges von Verstrebungen materialisiert sich eine Rechenoperation in einer Weise, die eine Unterscheidung von Information und Materie unsinnig erscheinen lässt. Umso mehr, als nun auch intelligente Materialien, die auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren, zunehmend in Bauten Verwendung finden.

Damit diese Entwicklung weiter voran geht, bedarf es nicht nur ausreichender Information zur Sachkenntnis. Es muss auch ein neues Verständnis von dem, was Material heute überhaupt heißt, erlangt werden, um gedanklich die heute materialisierte Intelligenz in die eigenen Gestaltungsansätze und Herangehensweisen zu integrieren.

Intelligentes Material denken zu lernen, ist heute nicht nur eine philosophische, sondern eine berufspraktische Herausforderung für alle, die Wirklichkeiten gestalten. Denn wer wollte nicht den Materialien, die er verwendet, gedanklich gewachsen sein?

Die Baustelle. Warum das Lieblingsärgernis des Stadtbewohners auch Freude machen kann.


Die Baustelle ist die häufigste und emotionalste Erlebnisform von Veränderungen der Infrastruktur im Stadtraum. Sie provoziert meist Ablehnung, vor allem bei Straßenbau- und Großprojekten. Doch sie kann auch Freude bereiten, wie jene Menschen beweisen, die lange Zeit an Bauzäunen stehen, um zuzuschauen. Schutthaufen, Ziegelstapel, Kräne und Mischmaschinen bestimmen das Bild. Was macht sie so einladend, dass wir gerne verweilen? Womit weckt die Baustelle unsere Schaulust?



Das moderne Leben wird schnell gelebt. Auch als Zuschauer medialer Unterhaltungsangebote haben wir steigende Ansprüche an die Geschwindigkeit, den Abwechslungsreichtum und die Intensität der Dramatik. Die im Musikvideo und Werbeclip entwickelten raschen Schnittfolgen prägen heute auch den Film und das Fernsehen. Sogar Texte unterliegen einem zunehmenden Druck zur Kürze, um noch gedruckt zu werden. Die Spanne der Aufmerksamkeit wird kleiner, ihre Anforderung an Kurzweiligkeit wächst. Umso erstaunlicher ist es zu beobachten, dass das Bestaunen einer Baustelle sich gegen die multimediale Konkurrenz aller Schauangebote halten kann. Nach dem Vorbild der Berliner Infobox auf dem Potsdamer Platz, die sich zum Touristenmagnet entwickelte, wurde in Wien der höchste hölzerne Aussichtsturm der Welt gebaut, um die Großbaustelle Zentralbahnhof gebührend ins Visier nehmen zu können. Was aber will man dort sehen?

Als Bühnen des Entertainment sind Baustellen ungemein handlungsarm. Ihre Protagonisten bleiben gesichtslos. Der Plot kommt zwar stetig, aber in solcher Langsamkeit voran, dass der Zuschauer den Sinnzusammenhang einzelner Vorgänge gar nicht herstellen kann. Vielleicht erzeugt dieses Ratespiel die Spannung? Im Baustellentheater sehen meist Wartende Wartenden zu. Dramatik und Bühnenbild könnten öder nicht sein. Die Aufführung dauert Jahre. Und der Erzählstoff des Stücks ähnelt dem des Telefonbuchs: viele Personen, wenig Handlung.

Die Baustelle ist das unspektakulärste Spektakel der Welt. Trotz der inflationären Häufigkeit ihres Vorkommens ist und bleibt sie eine Ausnahmeerscheinung, und zwar eine programmatische. Ihre lokale und zeitliche Unterbrechung unserer ansonsten fest gefügten Welt spricht als Thema die Menschenseele an. So wenig diese Wüste bildlich hergibt, so viel an Sinnbildlichkeit spendet sie uns. Gerade weil es in Erdhaufen und Ziegelstapeln kaum Bedeutsames zu erspähen gibt, lädt uns die Baustelle ein zur Projektion und metaphorischen Füllung der Lücke, die sie ins Wiedererkennbare und Wohlgeordnete schlägt. Alles Anwesende verweist auf noch Abwesendes und provoziert einen Brückenschlag durch die Fantasie. Wir staunen, gerade weil nichts zu sehen ist außer dem gewaltigen Abstand zwischen Schutt und gerenderter Vision. Wir erblicken das Chaos und sind zugleich daraus gerettet vom Wissen, einen hochgradig geplanten und funktional geordneten Ort vor uns zu haben. Jede Anhäufung von Material ist mit Bedacht gewollt und wartet auf ihre sinnhafte Verwendung, die nur dem Zaungast Rätsel aufgibt. Und wenn die Arbeiter nichtstuend herumstehen, sind sie nicht etwa faul, sondern gehorchen damit einem exakt durchökonomisierten Aktionsplan, der bloß momentan ihr Warten erzwingt. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts war das freilich anders. Der biertrinkend untätige Bauarbeiter war am Beginn der sozialdemokratischen Ära eine politische Ikone von alltäglicher Anschaulichkeit.

Auch wenn heute auf Baustellen rascher und ökonomisierter gearbeitet wird als je zu vor, wirkt das Geschehen in der Außenperspektive dennoch wie in Zeitlupe, denn zu fern liegt das große Ergebnis, als dass die tausend Schritte dahin sich zu jenem lebendigen Bild des Bauens synthetisieren ließen, das man zuletzt als Kind mit LEGO-Steinen erlebt hat. Überspitzt gesagt sieht man auf Baustellen Vieles, nur nicht, dass etwas auf nachvollziehbare Weise aufgebaut wird. Das Errichten einer Ziegelmauer ist jene Ausnahme, welche diese Regel bestätigt. Doch diese Bauweise ist bei Großbauten selten geworden und nimmt auch bei Einfamilienhäusern den kleinsten Teil der Gesamtbauzeit ein. Montage ist an die Stelle des Auftürmens getreten. Die damit gestiegene Komplexität erfordert einen höheren Grad an Organisation, der vom Bauzaun besehen jedoch den Eindruck des Unzusammenhängenden und Chaotischen noch verstärkt. Die Baustelle staut nicht nur den Fluss des Verkehrs, sondern auch den der Zeit. Die Baulücke ist zugleich eine Lücke im Zeitregime, sie hat ihren eigenen Takt und weiten Horizont. Der Bauzaun markiert eine Schwelle, an der zwei Zeitlichkeiten aneinander geraten. Anders als der Actionfilm, dessen Montage die alltägliche Taktung überschreitet, fasziniert die Baustelle dank Unterschreitung des Lebensflusses. Damit überbietet sie ästhetisch den Zeithorizont des Betrachters. Dem „Verein zur Verzögerung der Zeit“ stünde es gut an, Wallfahrten zu Großbaustellen zu organisieren.

Verführung des Bodenlosen

Der Bauzuschauer sieht von seinem festen Standplatz aus auf ein Terrain, dessen Bodenfestigkeit prekär ist. Lockere Erde, Schlamm, Gruben und Schächte gefährden den sicheren Tritt von unten, Gerüste, Kräne und Traversen verunsichern hoch oben das Stehen und Gehen. Bauen ist eine vertikale Herausforderung nicht nur des Gleichgewichtsorgans, sondern auch des metaphorischen Sinns für die Verlässlichkeit des irdischen Daseins auf dem Boden der sogenannten Realität. Die Baustelle zieht uns gleichsam existenziell den Boden unter den Füßen weg. Auf dem hohen Gerüst sehen wir den übermütigen Ikarus in seiner Gefährdung. In der Tiefe der Baugrube begegnen wir allen Assoziationen des Unterirdischen, vom der Gruft über das Verlies bis zum schaurigen Keller, vom Hades bis zum Höllenreich. Unter der Erde liegt, zumindest für die kindliche Seele (und das, was von ihr im Erwachsenen fortlebt), ein imaginärer Raum des Dunklen, der sich mit Projektionen der Angstlust füllt. Nicht ohne Grund spielen die meisten Horrorfilme ebenso wie Videospiele im Untergrund, in jenen Kellergeschossen, wo Vampire, Dämonen, Folterknechte, Teufel, Ahnen und Klopfgeister aller Kulturen nichts als zuhause sind.

Wo Mutter Erde sich auftut, fürchtet man, von ihr verschlungen zu werden – wer hätte Ähnliches noch nicht geträumt? Vor allem tiefe Baugruben, wie die von U-Bahn-Stationen, kann man zwar vernünftig betrachten, untergründig jedoch nur als Abgrund erfühlen. Von unten her wird dem Beschauer somit einiges an Affektabwehr abgefordert. Diese emotionale Distanzierung wird szenisch im Bauzaun, der dinglichen Differenzlinie zwischen Bühne und Zuschauerraum. Der Zaun sichert nicht nur die körperliche Integrität. Sein Gitter rahmt auch jene Szenerien, in denen der Kranführer zum zauberkräftig fernwirkenden Helden, der Bagger zum phallisch durchdringenden Berserker mutiert. In der Spielwarenindustrie zählen Baufahrzeuge und –werkzeuge zu den Klassikern der Beliebtheit. Ihr Potential, dem Jungen durch Materialdurchdringung und Erdbewegung das Gefühl zu geben, weltbewegend zu wirken, macht sie zum Kultgerät schlechthin für die Initiation zur Männlichkeit. Baustellen sind gewaltig und gewalttätig gegenüber Materie und Natur. Das weckt jenen erotischen Schautrieb, der sich schon in der Kindheit daran entzündet, sehen zu wollen, was „darunter“ ist. Die Erde will durchbohrt sein. Unter ihrer dünnen Kruste west das Unterbewusste dichter als anderswo.

Erde ist staubförmige Vergangenheit, gespeist aus Abrieb von Steinen und Resten abgestorbenen Lebens. Tote Biomasse, der unsichtbar Keim und Nahrung zu neuem Austreiben und Erblühen innewohnen. Der Mensch begegnet auf der Baustelle jenem Staub, der er ist und dereinst werden wird. Grabung rührt an Gräber – wo sie dies nicht nur imaginär, sondern real tut, treten die Archäologen auf den Plan und stören den Zeitplan. Beim Aushub für den Wiener Zentralbahnhof wurde ein Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg ausgegraben und sogleich ins nahe Heeresgeschichtliche Museum übersiedelt. Die Leichen im Keller der Gesellschaft kommen ans Licht und mancherlei Bomben haben ihre Sprengkraft bis heute bewahrt. Das Unterirdische ist ein Speicher des objektiven Gedächtnisses. Für Archäologen ist es wie ein Stück alter Text, der zu entziffern ist, weil er Geschichte erzählt. Unsere Vorgeschichte, die unser Fundament bildet, unsere Wurzel und unser Archiv.

Das Erhabene und die Kunst

Die Baustelle ist ein ästhetisches Ereignis, wenn sie als solche betrachtet wird. Es ist jedoch nicht die Ästhetik des Schönen, die zum Verweilen des Blicks und zur Kontemplation verführt. Im Gegenteil: ihre sprichwörtliche Hässlichkeit, ihre unverschämte Durchbrechung des (wenn auch nur vom Bemühen her) durchkosmetisierten Stadt- oder Landschaftsbilds, ihr vollständiger Mangel an Fassadenhaftigkeit und Adressiertheit an ein ästhetisch ambitioniertes Auge ist der Skandal, aus dem sich die visuelle Faszinationskraft speist. Die Baustelle ist der Ästhetik des Hässlichen zuzuordnen. An ihrer reinen Funktionalität, die uns Einblick gibt in die gesichtslosen Eingeweide der Konstruktion unserer Welt, erfahren wir, wie stark alles Andere ästhetisierend überformt ist und wie sehr unser Sehen heilender Verhüllungen des Seins bedarf. Sie führt uns die Fassadenbedürftigkeit des Menschengeschlechts vor Augen.

Das Rohe, das Brutale und das Chaos erhalten dank Baustelle in der dichtest zivilisierten Menschheitszone Stadt ihren kontrastierenden Ort der Szenifikation – eine Stelle des Ungestellten, die erst im Auge des zur Kontemplation aufgelegten Beschauers sich zum Schaubild zusammen stellt. Die Fähigkeit zur Synthesis des Wahrgenommenen wird von der Größe, Vielgestaltigkeit und Unordnung der Baustelle herausgefordert, wenn nicht überfordert. In der Theorie der Ästhetik firmiert der Reiz solch überbordender Phänomene unter dem Begriff des Erhabenen. Dieser bezeichnet – mit den Worten Friedrich Schillers – „ein gemischtes Gefühl, eine Zusammensetzung von Wehsein und Frohsein“. Erweckt wird es durch „alles Große, Kraftvolle, Mächtige, sofern wir uns ihm gegenüber klein dünken“ (Eisler). Die Komponente der Unlust resultiert dabei aus der “Unangemessenheit unseres Vermögens der Größenschätzung“, während wir angenehm empfinden, dass die „furchterregende Großheit“ und Macht über uns keine Gewalt hat, sofern uns der Bauzaun die Distanz sichert, die das ästhetische Wohlgefallen benötigt, um Erschreckendes zu genießen. Denn erhaben ist, wie der Philosoph Burke formulierte, „was die Vorstellung von Schmerz und Gefahr für uns zu erwecken vermag und auf irgend eine Weise schrecklich erscheint“.

Das Schöne, schrieb Immanuel Kant, „betrifft die Form des Gegenstandes, die in der Begrenzung besteht; das Erhabene ist dagegen auch an einem formlosen Gegenstande zu finden, sofern Unbegrenztheit an ihm, oder durch dessen Veranlassung, vorgestellt und doch Totalität derselben hinzugedacht wird«. Klarer lässt sich die Ästhetik der Baustelle in einem Satz nicht zusammen fassen.

Der Mangel an Form und Schönheit, das ambivalente Gefühl angesichts des unüberblickbar Gewaltigen einer Großbaustelle und die Schwierigkeit, sich ein klares Bild von ihr zu machen, provozieren eine Fülle kompensatorischer Versuche zur Verschönerung. Wovon man sich (wie von Gott) kein Bild machen kann, davon und dafür muss man Bilder machen. Hobbyfotografen können der Versuchung kaum widerstehen, an der unregelmäßigen Regelmäßigkeit aufgehäufter Stahlgitter und Betonrohre alte künstlerische Erfindungen wie Abstraktion und Verfremdung nachzuvollziehen. Sie wollen dem Unschönen durchs Wählen eines Ausschnitts Schönheit abzwingen, um sich als kreative Individualisten zu gerieren. Ebenso beliebt ist das Sujet „nackte Frau auf der Baustelle“, mit welchem etwa die Fotografin Susanne Hölzel „die weibliche Verletzlichkeit zum Ausdruck bringen“ will, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete – wenn auch nicht im Feuilleton, sondern wegen des Skandals, den die Ausstellung in einer Bayerischen Kleinstadt provoziert hatte.

Die Ambivalenz gegenüber dem Anblick macht sich am Bauzaun fest. Er schützt vor der Hässlichkeit und wird gern mit Bildern „geschmückt“. Behinderten-Kunst, Kindergarten-Malerei und Graffiti erfreuen sich großer Beliebtheit, wenn auch nur Seitens der Veranstalter und Ausführenden. Auch Künstler engagieren sich oder werden für „Kunst am Bauzaun“ engagiert, im großen Stil etwa 2005 in der „Hafencity Hamburg“. Der Erfolg ließ sich nur danach bemessen, wie rasch die Bilder geklaut waren. Meisterwerke der Baustellen-Kunst sind selten. Heimo Zobernigs Staubnetz, das nur das Logo des Sponsors Generali abbildete, schrieb Kunstgeschichte. Sehr gelungen ist die Schriftlösung von Richard Hoeck mit Guckloch und der Aufschrift „you can´t stop looking at this“ (Innsbruck 2009). Mein persönliches Lieblings-Bauzaun-Kunstwerk stammt von Stephanie Hartung, es erinnert mich an Lucio Fontana. In die Abdeckfolie des Zauns hat die Künstlerin Löcher geschnitten. Durch sie fällt auf ultimativ künstlerische Weise der Blick auf das geordnetste Chaos der Welt.


Samstag, 28. Februar 2015

Peak Innovation

Ein innovativer Innovationspfad zweigt ab und führt nach unten




Peak Innovation, was sollte das sein? Peak Oil kennen wir schon und angeblich hatten wir den schon - den Zeitpunkt des Fördermaximums von Rohöl, den Höhepunkt, Scheitelpunkt, Gipfelpunkt, an dem die Einsicht unausweichlich wird: Von nun an geht´s bergab! Lässt sich die Erdölproduktion nicht mehr steigern, schwindet sie und das Öl mit ihr. In den letzten Jahren hat diese These an Glaubwürdigkeit verloren, die Verknappung ist bisher nicht eingetreten und der Ölpreis gefallen. Wie lange dieser Trend anhält und ob er nur als optimistisches Zwischenspiel in die Geschichte eingehen wird, werden wir erst in ferner Zukunft wissen. Spätestens dann, wenn auf den Tankstellen nur noch Snacks und Souvenirs zu haben sind.

Kürzlich wurde noch so ein Peak verkündet, der "Peak Food". Die Förderraten von 27 global erneuerbaren und nicht erneuerbaren Schlüsselressourcen für die Ernährung wurden in einer wissenschaftlichen Studie ausgewertet. Ergebnis war, dass die Produktion von Nahrungsmitteln nicht mehr mit dem Bevölkerungswachstum mithalten kann. Sie habe ihren Höhepunkt überschritten, die "Peak Food"-Ära habe begonnen.



Mit "Peak Innovation" möchte ich einen provokanten Begriff in die Debatte werfen. Keineswegs behaupte ich damit, dass wir eine Sättigung, einen Grenzwert, eine Schrumpfung der Innovation vor uns hätten. Derzeit hat es sogar den Anschein, dass eine Reihe von Schlüsseltechnologien weit genug entwickelt sind, um in die Industrie und ihre Produkte integriert zu werden. Ein gewaltiger Innovations-Schub dürfte vor uns liegen.

Parallel dazu hat sich jedoch in manchen Branchen ein neuer Typus von Innovationen entwickelt, der von der langfristigen Evolution der Technologien abzweigt und den man als Niedergang begreifen sollte. Die Rede ist von Produktinnovationen, die den Interessen der Konsumenten nicht dienen, sondern zuwider laufen. Produkten für den Zwangskonsum, die nicht im Wettbewerb, sondern über Lobbying "verkauft" werden. Außerhalb der Marktwirtschaft hat sich ein neuer Sektor der Zwangswirtschaft etabliert, in dem Bürokraten und Lobbyisten ihren gemeinsamen Machtinteressen gemäß kooperieren.

Der legislative Trend, mit der Begründung der "Sicherheit" immer mehr Freiheiten und Konsumentenwünsche zu verbieten und diese Einschränkungen technisch zu überwachen, hat diesen neuen Typus industrieller Innovation auf den Plan gerufen. Nun denken zahlreiche Ingenieure nicht mehr darüber nach, mit welcher Erfindung sie den Produktnutzen noch weiter steigern können. Sie denken darüber nach, wie ein Produkt funktionieren müsste, das Messwerten entspricht, die man mittels Lobbying bei Politikern als neue Standardwerte vorschlagen und normieren lassen könnte. Mit diesem Vorgehen wird es mächtigen Großunternehmen möglich, den Wettbewerb auszuhebeln und eine "innovative" Gerätegeneration dem gesamten Markt aufzuzwingen, zum Schaden und Ärger der Konsumenten.

Man könnte diese Art von Erfindungsgeist, der auch beim Obsoleszenztechnologen am Werke ist, durchaus als "Negativtechnik" bezeichnen (wenn man weniger freundlich ist, auch als Verbrechen an der Bevölkerung, der damit bloß Geld aus der Tasche gezogen wird). Oder auch als Dysfunktionalitätswettbewerb. Bürokraten lieben solche Innovationen, erlauben sie ihnen doch, eine weitere Norm zum vorgeblichen Schutz der Menschen zu produzieren und damit die Aufrechterhaltung ihrer Stelle, ihrer Kommission, ihres Gremiums oder Amtes für ein weiteres Jahrs legitimiert zu haben (obwohl der "Peak legislation" längst überschritten ist!). Die Industrie sieht sich vom Wettbewerb gezwungen, den innovativen Vertriebskanal des Normierungs-Lobbying nach Kräften auszunutzen und spezielle Innovationen für den Politikerbedarf zu generieren.

Dieser Niedergang, diese Dekadenz passt ins Bild eines Peak, weil davor die gesamte Geschichte der Technikentwicklung einem Prinzip und damit einer stetigen Linie folgte, die aufwärts verlief, zum Besseren, Effizienteren, Bequemeren, funktional Überbietenden. Bei gewissen Geräten, die schon lange zur vollkommenen Zufriedenheit der Konsumenten funktionieren, scheinen tatsächlich die Chancen auf weitere Verbesserung durch Produktinnovation eingeschränkt, wenn nicht ausgereizt. Der Druck, den abnehmenden Kaufwillen durch Zwang zu ersetzen, ist entsprechend groß.

Peak Innovation meint das Phänomen, dass in manchen Branchen ab einer gewissen Sättigungsmenge an Produktqualitäten deren Ertrag für den Konsumenten sinkt. Wo Innovation zur Verbesserung immer weniger bringt, überschreitet die Technikentwicklung ihren Zenit, die Kurve zweckdienlicher Innovationen bewegt sich nach unten und wird von der aufstrebenden Kurve dysfunktionalisierender Produktentwicklungen überholt.

Vielleicht lässt sich eine hoch entwickelte Konsumgesellschaft ab einem gewissen Punkt (Peak Konsum?) nur noch durch Zwangskonsum, Antikonsumkonsum, Verzichtskonsum, Negativluxus und Askeseausstattungen aufrechterhalten. In diesem größeren Kontext, positiv betrachtet, wäre der Peak Innovation dann nur (im Sinne Schumpeters schöpferischer Zerstörung) das Absterben eines überholten Modells von Produktinnovation zugunsten eines neueren Modells innovativer Dysfunktionalitätsentwicklung, Antitechniktechnik, Produktkontrolltechnik und Kaufzwangsinitiationstechnologie.

Sonntag, 18. Januar 2015

Die Zierfelge

Unter allen Autozubehör-Teilen zeigt die Felge die breiteste Variation. Warum das so ist und wie Individualisierung im Radkasten funktioniert, untersuche ich in meinem Buch "Dr. Pauser´s Autozubehör":



Das Rad wird täglich neu erfunden. Als gelte es, der Einfalt der Kreisform zu trotzen, ist die Felge von einem Variationskult befallen, der Formen wuchern läßt, wo die Funktion schweigt, weil diese immer schon unverbesserlich erfüllt ist. „Mehr als 300000 Größen und Einpreßtiefen von 13 bis 17 Zoll sind Bestandteil des PLS-Programms, des größten Felgenprogramms in Deutschland.“ Neben diesem gibt es unzählige andere, von „Artec“ bis „Zender“. Während die Produktion der Autos sich global fusioniert, zersplittert sich die der Felgen, weil ihr Sinn darin besteht, die Formenvielfalt so unübersichtlich zu gestalten, daß das Produktversprechen, dem Fahrzeug „Glanzpunkt und persönliche Note“ sowie „den Look der Extravaganz“ (D&W-Katalog) zu verleihen, plausibel erscheint.



Als Einstiegsdroge in den Felgenkult mag die „Radblende aus hochwertigem Polyamid in Erstausrüsterqualität um 82 DM“ genügen, sie gehört noch der alten Ordnung der Deckel an und simuliert bloß die Zierfelge. Für den Freak liegt in der Oberklasse ein „Komplettradsatz um 9500 DM“ bereit: „Diesen braucht Ihr Automobil für den Durchbruch in eine andere Dimension“. Daneben gibt es Feinheiten: Männer erreichen mit dem „Power-Screw-Umrüstsatz die Zentralverschluß-Optik“, Frauen freuen sich am „Dekorset für Bärchenradblenden“. Die „unschön wirkende Trommelbremse wird durch eine elegant gelochte Bremsscheibenattrappe verdeckt“, während die Scheibenbremse eine Hervorhebung durch „roten Bremssattellack“ verdient.

Am Luftloch scheiden sich die Geister: Die einen wollen es durch ein vielfärbiges „Aircontrol-Ventilkappen-Set“ akzentuieren, den anderen ist es peinlich: Damit „das Erscheinungsbild der Leichtmetallfelge nicht durch ein Ventil am Felgenrand beeinträchtigt wird“, verbirgt das Modell „Antera“ das Stöpselchen „im Nabenbereich unter einer Kappe“. Nur die Marke „Ferrara“ mit ihrer verlogenen Anlehnung an „Ferrari“ verrät die Wahrheit, indem sie ein Wappen im Zentrum des Rades plaziert. Schließlich dient die Felge am Auto primär der Darstellung von Individualität. 

James Bonds Aston Martin nach dem Vorbild von Ben Hur. Bildquelle: Die Welt 

Was aber bedeutet das für die gesellschaftliche Konstruktion von Individualität? Bäumt sich in der dysfunktionalen Ausdifferenzierung des Felgenkults das Singuläre gegen das Allgemeine auf zur Rettung der Person vor der Massenproduktion? Wo anders als im Radkasten gibt es überhaupt noch Individualität für aufgeklärte Wesen, die zur Kenntnis genommen haben, daß sie bloß Epiphänomene der seriellen Kombinatorik genetischer Elementarteilchen sind; daß Seelenausdruck die Performanz eines romantischen Codes ist; daß jeder innerste Gedanke ein Fall von Diskurs und die äußere Erscheinung bloß ein Signifikant im Sprachspiel der Mode ist? 



Die ohnehin von vornherein gegebene und unabstreifbare Individualität ist nur scheinbar ein knappes Gut, sie wird von der Massenanfertigung nicht zerstört, sondern als Objekt der Begierde allererst konstituiert. Das Industrieprodukt Felge ist zugleich Medium fürs Dementi seiner Serialität. Während ein Markenzeichen Individualität in Form eines bedeutungsgeladenen Namens symbolisiert, verfolgt die Felge die gegenteilige Strategie, durch bedeutungslose Leerformen das Singuläre als etwas Nichtkommunizierbares real werden zu lassen. Aus Felgenformen läßt sich nichts herauslesen, für die ornamentalen Variationen gibt es keine Begriffe. Sie demonstrieren Individualität als pure Abweichung und geben zu erkennen, daß das Sinnlose der Stoff ist, aus dem das Eigenste besteht. Willkürliche Verästelungen von Aluminiumstreben, die blinkend um ein leeres Zentrum kreisen, setzen in Szene, daß man alles, was an einem einzigartig ist, nicht mit anderen teilen kann. An ihren Felgen sollt ihr sie erkennen, nicht jedoch als bestimmte, sondern als ausgestattet mit etwas, das sich allen Bestimmungen entzieht. Nur in demonstrativer Sinnlosigkeit kann Singularität zur Erscheinung kommen. Was Adorno das „Nicht-Identische“ nannte, wurde im Felgenkult käuflich verfügbar.

Erfahrung wie Befahrung sind ein Aneinandergeraten von Ich und Welt - an der Grenze zwischen Auto und Straße stellt die blitzblanke Felge das fortwährende Herausgehobensein aus fremder straßenstaubiger Umgebung sicher. Die Streitwagenräder von Ben Hur bis James Bond sind bloß Urahnen der modernen Zierfelge, die als Wappenschild sinnbefreiter Individualität ihre zeitgemäße Funktion hat. 


Vom Schnauzentier zum Mäusenest

Geschrumpft und gestopft, selbstbeherrscht und fugenfrei hat sich das Auto an die weibliche Zielgruppe angepasst


Die Zeiten, in denen Autofahren als Männerdomäne galt, sind lange vorbei. Dass auch die weibliche Hälfte der Menschheit Autos kauft und Autos fährt, ist heute selbstverständlich. Doch in den Jahrzehnten des Übergangs musste die Automobilindustrie erst lernen, ihr Produkt fit zu machen für die Wünsche der wachsenden neuen Zielgruppe Frau. Im Jahre 1998 beauftragte mich DIE ZEIT, die Pariser Automesse zu besuchen und dort dem Wandel der Geschlechterverhältnisse auf den Grund zu gehen:


Der Herbst ist da, er bringt uns neue Autos. Auf dem Pariser Autosalon haben die Konzerne gewaltige Bühnen aufgebaut. Ohne Umrahmung durch ein Gesamtkunstwerk ist ein Auto heute nicht mehr präsentierbar. Musik, Tanzshows und Lichterzauber gewinnen im selben Maße an Bedeutung, wie die Aura der technischen Innovation verblaßt. Für die Darstellung jener neuen Mercedes-Sitze, die einen warmen Wind gegen das Gesäß blasen, was einer totalen Umkehrung der bestehenden Verhältnisse gleichkommt, hat die Berliner Multimedia-Firma "Triad" Segel aufgespannt - zwecks interaktiver Projektion. Dem Laien bleibt die vielbejubelte Großartigkeit von Innovationen wie dem Fensterheber-Notstop des Mazda 323F verborgen. Doch die Liebe zum immer filigraneren Detail verbindet die Automobilhersteller mit dem Automessenpublikum, nicht zuletzt mit den Motorjournalisten. Inmitten der Fülle kleinster technischer „Lösungen“ ist die Sicht aufs Ganze getrübt. Doch im Raum steht die Frage, wohin das Auto insgesamt unterwegs ist. Wie es die Gesellschaft spiegelt, den Einzelnen umkleidet und das gewandelte Geschlechterverhältnis verkörpert.

Morgens vor dem Portal des Autosalons bietet sich ein selten gewordenes Bild der Geschlechtertrennung. Es sind fast nur Männerköpfe, die da Schlange stehen. Vom Hinterhaupt leuchtet als weißer Fleck das immergleiche Haarproblem, aus den Augen die Gier nach dem Porsche Cabrio. Dieses gilt als Frauenfalle. Leider nur unter Männern. Denn Frauen gehen mit Autos, wie psychologische Studien beweisen, mehr „vernunftgesteuert“ um.

Nicht Ausgrenzung, sondern schlichtes Desinteresse am Autoprunk ist für die geringe Zahl weiblicher Besucher verantwortlich. Nach dem Einlaß in die bunten Bühnen der Konzerne wandelt sich das Bild, denn auf den bunten Bühnen der Konzerne warten Hostessen, die so zahlreich, jung und außerordentlich hübsch sind, daß die männliche Konzentration aufs Autodesign schweren Schaden leidet. Wer jenseits seines Fernsehgeräts eine Mädchenschar von bezaubernder Schönheit zu betrachten wünscht, kommt um den Besuch einer Automesse nicht herum.

Diese Inszenierung eines idealtypischen Patriarchats, in dem das Auto noch „reine Männersache“ wäre, beschränkt sich jedoch auf die Präsentation. Die neuen Autos passen in diese Urszene immer weniger hinein. Die in den Siebzigerjahren gern geäußerte Kritik an der phallischen Kühlerhaube, die für den Autowahn verantwortlich sei, indem sie Männer zum Kauf verführe, verfängt nicht mehr. Denn die Frau als Autokäuferin hat die lange Schnauze kräftig zurückgestutzt und den Akzent auf die Größe der Heckklappe und des Stauraums verlagert. Der Wunsch nach Kinderwagentauglichkeit ist nicht minder erotisch triebhaft motiviert als der männliche nach dem Boliden – er ist bloß weiblich und genießt daher den Anschein höherer Moralität und Vernunft. So wandelte sich das Auto tendenziell vom Streitwagen zur Festung, vom Reittier zum Mäusenest, von der Jagdwaffe zur Familienhöhle mit integriertem Einkaufskorb. Selbst der leistungsstarke Audi A6 Avant Biturbo wird damit angepriesen, daß für seinen Kofferraum ein Doppelkindersitz entwickelt wurde.

Freilich stehen die Männer nirgendwo so dicht gedrängt wie um den "De Tomaso Mangusta“ (305 PS), doch derlei böse Schnauzentiere nehmen sich inmitten der Mehrheit versachlichter Zügelungen verschwindend aus. Die Gegenform des Keils, die mit kleinem Motorraum und aufgeblähtem hinterem Volumen den Motiven des Bergens und In-sich-Sammelns alle Rechte einräumt, ersetzt das männliche Prinzip der Weltpenetration durch das weibliche der Ladeluke und des schützenden Transports. Für den Interessenskonflikt der Geschlechter wurde eine geniale Lösung gefunden: Männer- und Frauenfahrzeug vereinen sich zum gemeinsamen Ei. Die Ei-Form dominiert, geduckt, gebeult oder ein wenig plattgequetscht, das Automobildesign. Nicht nur in der Silhouette, sondern auch in der Gestaltung der Fenster-, Licht- und Cockpitzonen. Der New Beetle von VW treibt die Manie des Runden auf die Spitze.

Die Trendwende vom lustvollen Risiko, wie es in der Männerdomäne des Rennsports immer noch vorherrscht, zum gepolsterten Panzer und zur rollenden Knautschzone steht mit der Feminisierung des Autos in engem Zusammenhang. Für den Airbag wird mit der Metapher eines Kondoms geworben, der Doppelairbag gar mit einem prallen Busen verglichen. Schon mit dem „Mazda-Baby“ und nun dem „Renault Twingo2“, der Alleinerziehenden wenigstens formal den Traum vom Großfamilienbus erfüllt, wurde der Weg zur Symbolisierung weiblicher Wünsche eingeschlagen - erfolgreich, denn damit gewinnt das Auto an Immunität gegenüber der traditionellen Kritik. Was Frauen wünschen, kann so weltzerstörerisch nicht sein.

Das Familienauto von einst war ein rollendes Wohnzimmer, gesteuert vom Papa; man saß auf einer Bank und hatte genug Raum, um den eigenen Körper von dem des Fahrzeugs unterscheiden zu können. Heute ist man im Auto eingekapselt, plüschweiche Ergonomie drängt sich an den Körper und läßt ihn mit dem Fahrzeug verschmelzen. Man schlüpft ins Auto wie in einen zärtlich weichen Handschuh, der einem – dank Elektroniksteuerung – behutsame individuelle Reaktionen verspricht. Im engen Kuschelcockpit wird man mit dem großen Autokörper eins. Ganz zurecht sagt man nach einer Kollision zweier Fahrzeuge: „Ich bin in jemanden ´reingefahren“.

Mit den Familien schrumpfen auch die Autos. Der Pariser Salon zeigt den historischen Sieg des Verkleinerungsprinzips. Mercedes hat seine S-Klasse um 300 Kilo erleichtert und deren mächtigen Motor durch automatische Zylinderabschaltung kastriert. Die daraus resultierenden sieben Prozent Spritersparnis sind eine höfliche Verbeugung vor dem Ökologiegedanken. Daß Daimler-Benz nun auch Kleinstautos baut, gleicht als Durchbrechung heiligster und ältester Gesetze einem Sündenfall, ja einer Abdankung der Großmannsucht. Größer, schneller, weiter, das sind Ziele von Gestern, der neue Wettbewerb heißt kleiner, leichter, sparsamer. Lächelnd und augenzwinkernd beteuern die bunten Smarties ihre Unschuld, während die New Beetles mittels Retro-Look in jene gute alte Zeit zurückreisen wollen, in denen das Auto noch als Lösung galt und nicht als Problem.

Um überleben zu können, hat das Auto sich die Mahnungen seiner Kritiker zu Herzen genommen und moralische Besserung gelobt. Sinnlos wäre es daher, sich über die Häßlichkeit, Ununterscheidbarkeit und Langweiligkeit der Designs zu beschweren: Äußere Unansehnlichkeit gilt heute als bester Beweis für innere Moralität. Die chromerzeugende Industrie wird an der Moralisierung des Autos zwar zugrundegehen, der Autokauf jedoch an Legitimität gewinnen und entsprechend zunehmen.

Phantastische Wünsche und technische Funktionen sind im Autobau keine Gegensätze. Der moderne Wagen vereint die metaphorischen Qualitäten eines aggressiven Projektils mit denen einer behütenden Wonnekapsel. Technik scheint immer vernünftig, egal, welchen Verwendungsstilen und Zwecken sie dient. Denn was immer sie unter dem Titel der „Effizienz“ einspart, verschiebt sie nur hin zu einer anderen symbolischen Verausgabung. Ob man um die Beschleunigungswerte zwischen zwei Ampeln konkurriert oder um Spritverknappung, macht für die Lust keinen Unterschied. Und für den Rohstoffverbrauch auch nicht, denn selbst die größte Einsparung wird durch das wachsende Verkehrsaufkommen kompensiert.

Von den Lüsten viriler Jugendbanden, die ihre Auspufftöpfe aufbohren, um möglichst laut und Rauchschwaden ausstoßend um den Block zu knattern, ist das moderne Auto weit entfernt. Man will das Baby rein kriegen, es soll möglichst wenig trinken, bescheiden sein, klein bleiben, sich leicht handhaben lassen und hinten nicht stinken. Daß der individuelle Stoffwechsel des Autos gedrosselt werden muß, ist heute Übereinkunft, egal, wieviel Umwelt insgesamt durch die steigende Anzahl von Autos in Beschlag genommen wird. Und für die Demonstration von Ökogesinnung ist der modische Fahrradhalter auf dem Dach gut genug.

Das einzelne Auto wird sauberer, kein Zweifel. Doch auf seinem Lebensweg hinterläßt es Abfälle anderer Art, die für den Käufer unsichtbar bleiben und daher nicht so stark aufs Gewissen drücken. Die Techniken nämlich, mit deren Hilfe der Benzinverbrauch gesenkt wurde, sind hochgradig sensible elektronische Steuerungsmodule, die so kompliziert sind, daß sie nicht mehr repariert werden können, sondern nur noch insgesamt ersetzt und entsorgt. Blickt man den neuen Kleinwagen unter ihre Motorhauben, ist es mit der Idee der Verschlankung vorbei, denn eine verwirrende Fülle verkabelter schwarzer Kästchen staut sich eng gepackt hinter dem Blech. Nur äußerlich hat sich das Volumen des Fahrzeugs verkleinert, sein Inneres hingegen ist randvoll ausgestopft mit Maschinerie.

Die Anzahl der Teile ist kontinuierlich gewachsen. Gerade deshalb bemüht sich das Erscheinungsbild, mittels organischer Metaphern die Idee der mechanischen Zerteilung auszulöschen. Wie aus einem Guß muß das Ei sein, Fugen wollen bloß als Linien erscheinen, die Haut darf keine Löcher haben. Scheinwerfer und Heckleuchten wurden zu ovalen Zonen, die halb in den Kotflügel, halb in den Deckel des Motor- bzw. Kofferraums eingeschnitten sind, um deren Trennlinien großflächig zu überbrücken. Zudem wurde die Stoßstange abgeschafft und durch einen lackierten Wulst ersetzt – die Lackierer jubeln, die Versicherer weinen. Doch der elektronische Parkhilfesensor wird auch dieses Problem lösen. Wir können darauf vertrauen.

Die eben als Feminisierung skizzierte Entwicklung des Autos ist zugleich eine der Mäßigung, der Schuldabtragung und Bescheidung, der Nach-innen-Wendung des Außendrangs. Weil die Autotechnik aus den Exaltiertheiten des männlichen Balzverhaltens geboren wurde, ist die weibliche Domestizierung blecherner Imponiergebärden ihr zivilisatorisches Schicksal.

Jaguar verabschiedet den Zwölfzylinder und begnügt sich demonstrativ mit Achtzylindermotoren. Das Auto selbst ist vernünftiger geworden, nicht aber der gesellschaftliche Umgang mit ihm. Die ihm abgeforderte Vernunft hat es verinnerlicht und verdinglicht. Parallel zur Menschenseele wurde auch das Fahrzeug vom Zivilisationsprozeß erfaßt. Die in Einzelautos zerlegte und privatisierte Vernunft addiert sich jedoch zugleich kollektiv zu kultischen und wahnsinnigen Gebilden wie Rennen und Staus. Zum Glück! Denn andernfalls wäre das Leben in der Autogesellschaft äußerst langweilig und in der Folge das Auto gänzlich verzichtbar.

Zweifellos ist der neue "Golf IV" – ebenso wie der alte – ein äußerst vernünftiges Auto. Die Frage ist jedoch, was das für die menschliche Vernunft bedeutet. Ginge es beim Autofahren um einen technisch und kostenmäßig effizienten Ortswechsel, wäre das Auto längst abgeschafft. Doch sein Daseinsgrund ist ein Bündel an Lüsten, denen gegenüber die technische Rationalität nur psychische Rationalisierung ist. Im Kern ist das Auto ein vieldeutiges Symbol, das bloß äußerlich getarnt wird mit den Gesten technischen Fortschritts. Tausend kleine Effizienzsteigerungen einzelner Teile können nichts daran ändern, daß das Ganze des Autos keinen vernünftigen Grund besitzt.

Dies ist jedoch nicht zu kritisieren, im Gegenteil. Höllisch wäre vielmehr ein tatsächlich vernünftiges gesamtgesellschaftliches Transportsystem. Das Prinzip der Ameisenstraße, das von einigen Verkehrsplanern herbeigewünscht wird, brächte den Menschen nur in die Nähe zum Insekt. Der Wunsch nach Würde und Besonderheit, nach Verschwendung und heroischer Selbstgefährdung suchte sich augenblicklich ein neues ruinöses Terrain, um sich auszutoben.

Gegenüber den Freuden des Fahrens würde ein elektronisches Verkehrsleitsystem ähnlich wirken, wie es der Stau jetzt schon tut. Bei beiden handelt es sich um Formen der Beherrschung des Autos durch sich selbst. Nicht mehr weite Strecken, sondern fremde Wagen hemmen den Fahrer vor der Erreichung seines Ziels. Die Inszenierung der Messehalle dient dem Ausblenden jener anderen Autos, die draußen auch Frankreichs Luxussportwagen "Barchetta" trotz seiner 530 PS den Weg verstellen.

Mit der Schrumpfung seines Volumens reagiert das Automobil symbolisch auf die übermäßige Gesellschaft seinesgleichen. Freie Fahrt für freie Bürger wird es erst wieder geben, wenn die Zweidrittelgesellschaft zwei Drittel so arm gemacht hat, daß sich die Straßen wieder leeren. Für Autos und Umwelt wäre das ein ideales Biotop, ob für uns Menschen, bleibt fraglich. Bis dahin stehen wir lieber solidarisch im Stau und verzichten füreinander auf jenes rasche Vorankommen, das der ursprüngliche Zweck des Autos gewesen wäre.

Doch auch inmitten des staureichen Autosozialismus wollen wir uns sozial dadurch unterscheiden, ob wir auf echten Ledersitzen schwitzen oder zum Wurzelholzimitat für den Schaltknüppelknauf greifen müssen. Je größer der Stau, desto dringender wird der Wunsch nach einem stärkeren Motor. Auf den Verlust an äußerer Wirklichkeit des Vorankommens reagiert das Auto mit einer Steigerung seiner inneren Möglichkeiten. Geschrumpft, gestopft und fugenfrei verkörpert das rollende Ei den verinnerlichten Stau, die aufgestaute Potentialität.





Freitag, 26. Dezember 2014

Merci. Dank als Marke und Produkt

Geschenke haben ein Problem mit der Reziprozität. Sie müssen sich vom Warentausch unterscheiden. Obwohl man einander wechselseitig etwas schenkt, muss das Schenken etwas anderes sein als das Austauschen. Der Heilige Abend muss sich irgendwie abheben von einer Tauschbörse für überflüssige Waren. 

Das Geschenk ist definiert als ein Gut, das getauscht wird in einem Ritual, das dementieren muss, dass getauscht wird. Wird eine Ware als Geschenk eingesetzt, muss sie den Anschein erwecken, einseitig und ohne künftige Erwiderung gegeben zu werden. Schenkende und Beschenkte verabreden sich zur gemeinsamen Illusion, die Austauschverhältnisse sozialer Beziehungen durch einen Ausnahmenfall zu durchbrechen. Sie unterwerfen sich der Utopie einseitiger Hingebung und lassen dabei ein Stück Kindheit wieder auferstehen. Denn nur in der frühen Kindheit gibt es real und notwendiger Weise die Gabe ohne Gegengabe. Schenkende Erwachsene schenken einander im rituellen Tauschdementi einen Moment der Regression in die kindliche Rolle des einseitig Beschenkten.

Wer ein Weihnachtsgeschenk aussucht, befindet sich daher in einem Dilemma. Ist das Geschenk allzu nützlich, wie etwa ein paar Socken, bleibt es in der Sphäre der Tauschökonomie. Ist es hingegen absolut unbrauchbar, wird es für den Beschenkten wertlos sein. Wer schenkt, muss sich daher stets bemühen, einen Kompromiss zwischen Brauchbarkeit und Nutzlosigkeit zu finden. Viele versuchen dieser paradoxen Aufgabenstellung zu entkommen, indem sie Gutscheine oder Geld im Kuvert verschenken. Das Kuvert ist die schwächste Form, einen Tauschakt mit einer unterbrechenden Zwischenstufe zu dementieren. Die Funktion aufwendiger Verpackung ist weniger die Verzögerung zur Steigerung der Vorfreude, sondern die Verdeckung des Betriebsgeheimnisses, dass jedes Schenken ein dementiertes Tauschen ist.



Neben dem Verpacken ist das Danksagen das zweit wichtigste Medium für das Tauschdementi. Wer beim Erhalt eines Geschenks „danke“ sagt, formuliert damit eine rein symbolische Gegengabe, die bekräftigt, dass das Paket im Geiste der Einseitigkeit empfangen wurde. Die Abstattung des Dankes stellt einen fiktionalen Ausgleich der ökonomischen Asymmetrie her – dabei wird kundgetan, dass damit der Austausch schon abgeschlossen ist, obwohl keine physische Gegengabe erfolgt ist. Der Vollzug dieses Rituals wird nicht davon gestört, dass eine Minute später die Gegengabe im gleichen Dementi-Modus erfolgt.

Das Schokoladenprodukt „Merci“ löst die Verpflichtung des Geschenks, den Tausch zu dementieren, mit seinem Namen und dem geschenkmäßigen Verpackungsdesign. Indem die Gabe selber schon vorweg die Rückerstattung des Dankes in sich auf nimmt und vorweg nimmt, hilft sie dem Schenkenden beim Inszenieren einer fiktiven Unterbrechung der Tauschkette. Das Schenkritual, in dessen Kontext andere Güter sich allererst in dementierte Tauschgüter, in Geschenke verwandeln, wird vom Produkt gleich mit geliefert. Anders als Socken in Weihnachtspapier ist Merci schon von vornherein ein Geschenk. Als materialisiertes Tauschdementi zwingt es den Schenkenden wie den Beschenkten auf eine höhere Ebene der Entmaterialisierung des Warentausches: Ein Dank wird geschenkt und ein Dank wird erwidert. Wer nur noch Danksagungen tauscht, hat das Tauschproblem überwunden. Danke Merci!



Samstag, 29. November 2014

Placebo schlägt Pharmakon? Das Pharmaprodukt, kulturwissenschaftlich betrachtet

Der konsumkulturelle Wandel vom Einkaufen zum Shoppen, vom Funktionskauf zum Impulskauf, hat mit ein wenig Verspätung auch die Apotheken erreicht. Das Warenangebot am Point-of-Sale der Pharmaindustrie hat sich entsprechend erweitert und angepasst. Aus einem der letzten widerständigen Orte naturwissenschaftlicher Rationalität ist ein semi-esoterischer Gemischtwarenhandel für Fantasie- und Seelenentlastungsprodukte geworden. Welche Schlüsse kann die Medizin und speziell die Pharmaindustrie aus der Beobachtung und Analyse dieser Entwicklung ziehen?



Im Verkaufsraum moderner Apotheken zeigt sich eine Aufteilung in zwei kulturelle Welten. Das Verkaufspult materialisiert und reguliert diese Trennung. Dahinter regiert die strenge Ordnung der Medikamente im engeren Sinne, studierte „Magister“ bewachen die Grenze der naturwissenschaftlich bewiesenen Wirksamkeiten. Davor drängen sich allerlei Alternativangebote dem Kunden entgegen. Sie versprechen die Sehnsucht nach Heilsein und Heilwerden auf eine Weise zu befriedigen, deren Begründung nicht nur keines Beweises bedarf, sondern eines ganz anderen Diskurses, einer anderen Logik und Rhetorik. Der Kunde sucht nach Ergänzung – doch was fehlt ihm zu jenem „heilen“ Ganzen, das er als Wunschbild imaginiert? Worin liegt sein Mangel, und warum kann die Pharmaindustrie diesen so wenig beheben, dass immer mehr Konkurrenz den Gesundheitsmarkt okkupiert? Forciert gefragt: worin überbietet das Placebo das Pharmakon?

Nicht nur bei einem Placebo tritt der nach ihm benannte Effekt ein, sondern auch bei einem wirksamen Medikament – gleichsam als „erwünschte Nebenwirkung“ des Glaubens an die Macht naturwissenschaftlicher Medizin. Daher hat jedes Medikament auch eine Placebo-Dimension. Diese ist integraler Bestandteil des Pharma-Produkts. Zumindest aus der (unbewussten) Konsumentensicht. Doch wie bewusst ist diese Tatsache den Produzenten? In jeder anderen Industrie ist es selbstverständlich, dass bei der Produktentwicklung und –Vermarktung alle Dimensionen berücksichtigt werden, in denen sich dem Konsumenten die Ware, der Wunsch nach ihr, ihr Nutzen und Wert erschließen. Warum gilt dies für die Pharmaindustrie nicht?

Es gibt in Kulturen nicht nur vielfältige Felder und Subsysteme von Differenzierung neben einander. Neben allen Mikrodifferenzen bilden sich manchmal auch übergeordnete Makrodifferenzen, sogenannte Leitdifferenzen heraus, die sich über lange Zeit halten können. Ihre höchste Macht entfalten sie als zweiwertige Logiken, als Gegensatzpaare und (im Falle emotionaler Aufladung) Polarisierungen. Schon am Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Ethnologe Claude Levi-Strauss die universelle Organisationsmacht von Leitdifferenzen für Kulturen beschrieben: „Das Rohe und das Gekochte“ haben als Beispiel seinem bahnbrechenden Werk den Titel gegeben. Ein moderneres Beispiel für eine Polarisierung, die wirkmächtig und scheinbar unüberwindbar das Denken und Wollen strukturiert, ist das Schema „Links-Rechts“ im System der Politik. Auch in der Apotheke begegnen wir einer relativ jungen, doch sehr starken Leitdifferenz unserer Kultur: Medizin versus Alternativmedizin.

Diese stehen wie zwei Kirchen, wie Glaubenssysteme neben einander. Auch wenn es mittlerweile allerlei Mischwesen gibt (intendierte wie auch unbeabsichtigte), bleibt es doch für den Umgang mit dieser Polarisierungsachse wichtig, deren Theologien gründlich zu verstehen. Die Gesundheitswelt ist derzeit Austragungsort eines „Clash of Civilisations“, eines Kulturkampfes zwischen grundlegend unvereinbaren Paradigmen der Heil(ung)serwartung, des Menschenbilds, Naturbegriffs und Körperverständnisses.

Nun ist das Placebo in gewissem Sinne das besterforschte aller Heilmittel, wenn auch nur in naturwissenschaftlicher Perspektive – schließlich kommt es als Vergleichsmittel in jeder empirischen Wirksamkeitsstudie zum Einsatz. Diese Häufigkeit wird jedoch bisher nicht für „Placeboforschung“ genutzt. Aus pharmakologischer Perspektive ist das Placebo ja nicht mehr als eine Negation der Pharmazie, ein Nichts. Gut erforscht ist nur der Placebo-Effekt seitens der Psychologie. Dieser Wissenschaft bleibt jedoch aus methodischen Gründen die Fragestellung verwehrt, was es ist, das da jeweils „gefallen und überzeugen wird“. Wie der Glaube wirkt, ist Forschungsthema der Psychologie, nicht aber der Glaubensinhalt.

Glaube als Bedeutungssystem ist rein kultureller Natur. Für die Erforschung von Mythen, Vorüberzeugungen, Diskursformationen, Zeichen- und Differenzierungssystemen in der Ästhetik und Rhetorik wäre die Kulturwissenschaft zuständig. Wenn die Produktwirksamkeit eines Medikaments auch nur zu einem kleinen Teil auf dem Placebo-Effekt beruht, müsste die Pharmaindustrie logischer Weise neben einer Abteilung für chemische Grundlagenforschung auch eine Abteilung für kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung betreiben, um ihr eigenes Produkt in vollem Umfang zu verstehen und weiter entwickeln zu können. In der Praxis meint man wohl eher, für Mythen, Sinnbilder und Sinnstiftung sei die Marketingabteilung zuständig, die ihre Kreativität beweisen soll, sobald das neue Produkt fertig ist. Sinn wird als immaterieller, dem Realen des Medikaments äußerlicher Zusatz betrachtet, und nicht als immanenter Bestandteil des Produkts, der mit den Mitteln der Produktentwicklung und des Innovationsmanagements zu erzeugen ist.

Für aufgeklärte vernunftorientierte Menschen ist es schwer, naturwissenschaftlich Begründetes und pseudoreligiöse Phantasmen auf einer Ebene zu betrachten. Kulturwissenschaft hat jedoch zur methodischen Voraussetzung, ihre Objekte der Forschung wertneutral zu beobachten, vergleichen und analysieren. Dass die Erforschung der Bedeutung einer „Heilkräutermischung der Heiligen Hildegard“ nur auf kultur- und religionsgeschichtlichem Wege gelingen kann, leuchtet unmittelbar ein. Auf dem selben Weg kann man sich jedoch auch dem modernen Pharmaprodukt nähern. Und im Vergleich der Verpackungen den Verzicht auf Bilder zugunsten der Sprache in den Blick bringen. Oder das typographische Tabu historisierender Schriften, die für den Märchen erzählenden Gegenspieler so charakteristisch sind.

Betrachtet man das Medikament – unabhängig von seinem Hersteller – als Markenwelt, muss man ihm optimale Markenführung und Wiedererkennbarkeit attestieren. An ihm ist alles künstlich, technisch, chemisch, glänzend, klinisch rein und weiß. Farbzonen sind artifiziell getönt und geometrisch. Kunststoff und Alufolie mögen technische Notwendigkeiten sein, für die kulturelle Wahrnehmung dieser Materialien ist entscheidend, dass sie aus homogenen naturfernen Flüssigkeiten gegossen sind und damit alle Spuren ihrer Genese und Geschichte getilgt haben, so dass sie als Tabula Rasa in ihrer grenzenlosen Plastizität absolute Erzeugnisse menschlichen Willens und technischer Zielgerichtetheit sind. Im Gegensatz dazu versuchen „natürliche“ Produkte, möglichst viele Spuren des Widerstands der Natur gegen die menschliche Funktionalisierung und Überformung erscheinen zu lassen. Braunes Papier etwa gilt als ungebleicht und daher einen Verarbeitungsschritt weiter weg vom Menschen und näher bei der Natur (auch wenn es bloß braun gefärbt ist). Verschnörkelte Buchstaben bei Esoterikprodukten sollen einen Tiefsinn als unergründliche Dimension des Produktnamens suggerieren, der sich mit seiner unökonomischen Umweghaftigkeit der zielgerichteten Geradlinigkeit serifenloser Pharmaschriften entgegen stemmt.

Süß und wohlschmeckend dürfen nur Kindermedikamente sein, für Erwachsene sind bittere Pillen Pflicht, weil erst das Opfern infantiler Begierden jener Isolierung und Abspaltung rationaler Körper-Selbst-Interpretation entspricht, die den Kern jedes medizinischen Heilungsversprechens ausmacht. Medikamente geben sich erwachsen, um an den Erwachsenen im Menschen zu appellieren, sich angesichts von Leid und Erkrankung nicht kindisch regressiv oder weinerlich, sondern bitte erwachsen zu verhalten. Erwachsen im Sinne eines Kindes der Aufklärung, also eines rationalen modernen bürgerlichen Subjekts.

Der tiefe Graben, der Pharmakon und Placebo voneinander trennt, hat eine lange Geschichte, die im impliziten „Storytelling“ gegenwärtiger Produkte weiter lebt. So wortreich der Beipackzettel daher kommt, vermeidet er doch geflissentlich, beispielsweise der Geschichte des Penicillin auch nur den kleinsten Absatz zu widmen. In dieser Geste ist die Medizin genuin modernistisch, ähnlich der Malerei des frühen 20. Jahrhunderts, die auch radikal gegenwärtig sein und jeden Bezug zu ihrer Tradition verleugnen wollte, um ihre Innovativität und Zukunftsmächtigkeit zu unterstreichen. Eine der Polarisierungsachsen gegenwärtiger Heilkultur zeigt sich darin, dass man das Pharmaprodukt als geschichtsvergessen, das „alternative“ Placebo als geschichtsbesessen bezeichnen kann.

Die Aufklärung, als historisches Fundament jeder modernen Wissenschaft, hat sich aus der Zurückweisung des Mythos, der dunklen Analogien, Sinnbilder und Heilsversprechungen konstituiert. Im Reich der Medizin geht heute die Negation des Mythischen so weit, auch die historische Erzählung ausschließen zu müssen. Dabei trägt die Medizin aus ihrer Geschichte eine schwere Erblast mit sich. Naturwissenschaft zog und zieht ihren Erfolg aus der Beschränkung ihrer Betrachtung und ihrer Methoden auf Messbares und Physisches. Was messbar wird, hängt jedoch ab vom Stand der Technik und von den Modellen, die zur Interpretation des Gemessenen zur Verfügung stehen. Für die Naturauffassung des 19. Jahrhunderts war ein vulgärer Materialismus charakteristisch, der sich auf linear-unidirektionale Kausalität beschränkte und in mechanistischen Modellen dachte. La Mettries populäres Theorem vom „Mensch als Maschine“ hatte die Dampfmaschine im Auge (während seine modernen Nachfahren den ungleich komplexeren Computer zum Vergleich heranziehen).

Heutige naturwissenschaftliche Modelle haben die Dampfmaschine weit hinter sich gelassen und können zirkuläre Kausalitäten und deren Verkettungen, multiple Interdependenzen von Systemen und auch Prozesse selbstorganisierender Musterbildung mathematisch abbilden. Die Komplexität ist so hoch, dass sie sich nicht mehr in populäre Sinnbilder übersetzen lässt. An diesem Punkt der Entwicklung kommt es der Medizin sehr zugute, wenn längst überholte Mythen aus ihren frühen Tagen noch immer in den Köpfen der Patienten nisten, bereit, das Sinnbedürfnis und die Heilserwartung zu befriedigen und so die Leere der Placebo-Dimension wirksamer Pharmaka zu füllen.

Jede naturwissenschaftliche Beschränkung der Methode führt notwendiger Weise zum Konstrukt eines Forschungsobjekts, das dem methodischen Ausschnitt der jeweiligen messenden Betrachtung korrespondiert. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich dem gemäß ein mechanistischer Begriff vom natürlichen Körper, dessen psychologischer Vorteil im Feld der Krankheiten darin besteht, dass sich der Patient von seiner Malaise distanzieren kann. So gern der Mensch sich mit seinem gesunden, jungen, schönen Körper narzisstisch identifiziert, so ungern tut er das mit dem „Gefängnis der Seele“, wenn dieses sich im schlechtest möglichen Zustand befindet. Die dualistische Fantasie, der eigene Körper könnte eine Maschine sein, die man selber von außen distanziert beobachten kann, ohne sie zugleich selbst zu sein, hat für den Leidenden etwas Rettendes. Schließlich lässt sich eine mechanische Maschine meist recht einfach und vor allem vollständig reparieren.

Die Verengung des Menschenbilds war verbunden mit Abspaltungen und Ausblendungen aller Aspekte, für die noch keine Messmethoden und Erklärungsmodelle bereit lagen. Der neue Typ von Wissen harmonierte mit einer bürgerlichen Kultur, die sich das Abspalten von Affekten zugunsten eines „vernünftigen Geistes“ auf die Fahnen geschrieben hatte. Als Mythen des Alltags sind die Ideen des frühen Aufklärungszeitalters immer noch im Umlauf. „Heroische Vernunft im Abwehrkampf gegen das irrationale niedrige Gefühl“, das beispielsweise ist ein Schema von ungebrochener Popularität, auch wenn es in der modernen Psychologie keinerlei Halt mehr findet.

Die Summe des Verleugneten und Abgespaltenen nennt man das Unbewusste. In diesem Sinne ist das Placebo das Unbewusste des Pharmakons: eine Projektionsfläche aller medizin-externen Dimensionen von Krankheitserfahrung und Heilungsphantasie. In den forciert künstlich aussehenden, mit dürren Rationaltexten übervollen Medikamentenschachteln sind alte Mythen einer längt verschwundenen medizinischen Rationalität beigepackt, die als heilsame Vereinfachungen das leidende Subjekt entlasten. Der geometrische Zeichenkörper der Pille verweist auf den Körper als Maschine, jenes aus dem Ganzen der Selbstwahrnehmung herausgeschnittene Konstrukt, auf dessen Utopie der Reparierbarkeit sich das mythologische Heilsversprechen der Schulmedizin nach wie vor stützt.



Die überholten Vereinfachungen und Abspaltungen sind aber nicht nur eine Schwäche der Schulmedizin, die ergänzenden Konkurrenten Spielraum bietet. Sie sind zugleich auf der mythologischen Ebene ihre größte Stärke: das, worin ihr funktionales Heilungsversprechen von einem fantastischen Heilsversprechen gekrönt ist. Wer an die Medizin glaubt, dem wird vom Pharmakon zusätzlich der irrationale Wunsch erfüllt, das Leid von sich abzuspalten, es einem als simple Maschine vorgestellten Körper zuzuschreiben und den Heilungsprozess als mechanische Reparatur zu imaginieren. „Nicht ich leide, nur mein Körper leidet“ – diese Isolierung gehört zu den wesentlichen Substanzen, welche die Placebo-Dimension auch des wirksamsten Medikaments mit irrationalem Sinn und quasireligiöser Heilsverheissung erfüllen.