Freitag, 20. Mai 2022

Die Lampette (vor und nach) 2000

 


1963 kam die Lampette auf den Markt. In dieser Zeit hatte die Zahl 2000 einen Hoffnung erweckenden Klang – stand sie doch für die Zukunft schlechthin. Und sehr zum Unterschied von heute war der Fortschrittsglaube eine noch unbezweifelbare Haltung. Schon in den 1980er Jahren begann der Optimismus zu bröckeln. Und just ab 2000, seit 2000 kippte das System in einen ganzheitlichen Welt- und Technikpessimismus.



2022 hat der junge Wiener Designer Niklas Thury eine neue „Lampette“ entworfen, mit heutiger Technik, wie sich versteht. Sie lädt ein zum Vergleich und zur Analyse des Zeitsprungs. Was verbindet, was trennt Lampetten vor und nach 2000?

Gestaltet von Koch Creations, hat es die weltweit erfolgreiche erste Lampette in den Ehrentempel des Designs, das New Yorker Museum of Modern Arts geschafft. Davor hatte es schon rein funktionale, technisch ähnliche Leuchten für bestimmte Berufe wie Uhrmacher und Juweliere gegeben. Das Design der Lampette entsprang der Idee, die innovative Technik einer kleinen, beweglichen „Hochintensitäts“-Leuchte, die mit Niederspannung betrieben wurde, für den breiten Konsumentenmarkt aufzubereiten.

Der Fuß bzw. Sockel der Lampette beinhaltete einen Transformator, der 220 V in die für Halogenglühlampen nötigen 12 V konvertierte und entsprechend schwer war. Das hohe Gewicht ermöglichte es, mittels Teleskoparm die Lichtquelle auch waagrecht weit entfernt vom Sockel zu positionieren – eine zuvor für freistehende Leuchten undenkbare Flexibilität. Dank niedriger Spannung konnte der Lampenschirm auffallend klein gestaltet werden. Es verblüffte das damalige Publikum, wie aus einem so winzigen Kopf ein so kräftiger Lichtstrahl entspringen konnte.

Die Lampette wurde als „Reiseleuchte“ angepriesen, da sie klein war, die Teleskopstange einschiebbar und die Gesamtheit von Sockel und Kopf einfaltbar war zu einem kompakten Transportmodus.

Doch wer hätte mit einer Schreibtischleuchte reisen wollen – noch dazu einer mit so hohem Gewicht? Außerhalb von Werkstätten war die Technologie dysfunktional, das Reiseversprechen bloß Vorwand für die Rationalisierung (im Freudschen Sinne) einer Produktinnovation, für die nichts anderes sprach als ihr Design. Funktionalistisch war dieses Design nicht im ursprünglichen Sinne – die Form folgte zwar einer Funktion, aber einer dysfunktionalen. Funktionalismus wird hier zum reinen Designstil, der sich von der Brauchbarkeit gelöst hat. Eben diese Umkehrung von Form und Funktion ließ die Lampette zur museumsreifen Design-Ikone ihrer Ära werden.

Im kulturellen Paradigma des Fortschrittsglaubens hatte jede verblüffend neue Form die Vermutung auf ihrer Seite, einen Schritt in Richtung „2000“ zu verkörpern. Die Halogen-Leuchte mit integriertem Transformator symbolisierte Innovation als sinnstiftendes Universalprinzip. Zudem verdichtete sie Werte der Fortschrittsmoderne wie

Transport (Reise), Veränderung und Dynamik (Flexibilität) sowie Effektivitätssteigerung (kleinere Leuchte mit stärkerem Licht). Die Lampette war unpraktisch, doch aus ihr strahlte der Zeitgeist der „Zukunft“.



Niklas Thurys Lampette für das Zweite Jahrtausend hat sich von der mittlerweile verbotenen Halogen-Technik verabschiedet und sie durch LED ersetzt. Das Gewicht des Sockels kann daher deutlich reduziert werden, sein Innenraum steht nun für das Zusammenklappen zur Verfügung. Die Kreisform wird beibehalten und in verschachtelte Tragringe multipliziert, die auch ohne Eisenkern statische Stabilität ermöglichen.

Die zwiebelhafte Konzentrik der im Sockel verstaubaren Ringe scheint auf den ersten Blick ganz der Funktion, das Volumen aufs Äußerste zu reduzieren, entsprungen. Und hier liegt die Gemeinsamkeit der alten und der neuen Lampette: Fürs Reisen scheint die LED-Lampette viel geeigneter zu sein als ihr Vorfahre aus den 60er Jahren. Die Frage jedoch, ob es überhaupt Gründe geben könnte, die Schreibtischlampe auf eine Reise mitzunehmen, ist nach wie vor mit einem Nein zu beantworten.

Auch Niklas Thurys Entwurf zielt aufs Design, die Funktionsidee höchstmöglicher Einfaltbarkeit ist nur der Ausgangspunkt für ein Objekt, dessen Ästhetik ungewohnt ist und dessen aufstrebend sich verjüngenden Ringe auf charmante Weise ornamentalen Charakter zeigen. Auch hier wird eine junge Technologie, die LED mit ihren noch unausgeloteten Möglichkeiten, zwar genutzt, aber in erster Linie dazu, sie zu Inszenieren. Flexibilität, Ortsunabhängigkeit, Materialreduktion, geringer Energieverbrauch, Minimalismus und Leichtigkeit sind hohe Werte unserer Zeit. Sie in eine lichtspendende Skulptur zu verdichten ist pures Design in seinem klassischen und engsten Sinne.

Mittwoch, 12. August 2020

Die Urlaubsreise. Ein Nachruf.

Im Sommer eine Urlaubsreise anzutreten gehört zu den Selbstverständlichkeiten mitteleuropäischer Alltagskultur. Das könnte sich nun ändern. 



 Die Debatten um den Klimawandel werden immer hitziger geführt. Fernreisen um des Vergnügens willen sind in die Kritik geraten. Wer eine Kreuzfahrt gebucht hat, traut sich in gewissen Kreisen gar nicht mehr, von seinen Urlaubsplänen zu erzählen - das Image der Luxuskreuzer hat sich von "schwimmenden Paradiesen" zu Dreckschleudern gewandelt. 

Vorbei die Zeiten, als sich die Bewunderung, auf die man im Herbst hoffen konnte, von einer möglichst hohen Zahl an Flugmeilen ableiten ließ. Wer heute auf einer Party "Karibik" sagt, blickt mit hochgezogenen Schultern verstohlen grinsend in die Runde, gefasst, den Shitstorm wenigstens mit Humor zu nehmen. 

Urlaub, Klima, Urlaubsklima

 Das gesellschaftliche Urlaubsklima erleidet gerade einen Stimmungswandel. Man muss nicht mehr an Chemtrails glauben, um die von Fliegern in den Himmel gezeichneten Streifen als Zeichen des Unheils zu deuten. Am Strand liegen und in die Luft schauen hat damit seine Unschuld verloren. Es ist kaum noch möglich, unter Palmen in einem Magazin zu blättern, ohne mit dem drohenden Anstieg des Meeresspiegels journalistisch behelligt zu werden. 

Immanuel Kant hätte diese Situation so formuliert: Der durchkreuzte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir können nicht länger synthetisiert werden. Je heißer die Sonne auf die Erde niederbrennt, um so dunklere Schatten wirft sie auf die beliebteste unserer Traditionen - die Urlaubsreise. 

 Sollen wir beginnen, aufs Fliegen zu verzichten, wie es immer öfter und lauter gefordert wird? Oder warten, bis es verboten ist, und die verbleibende Zeit rasch noch für möglichst viele und weite Reisen nutzen? 

Wie Monomeinung Skepsis produziert

Wer kein Meteorologe ist, findet in Medien die einzig mögliche Grundlage für diese Entscheidung. Die etablierten Medien sind in dieser Frage fast durchgängig der selben Meinung. Sie berichten, dass auch die Klimaforscher zu 97 % einer Meinung seien. 

Früher hätte einen so viel Einigkeit skeptisch gemacht. Immerhin galt Skepsis einst als philosophische Kardinaltugend des aufgeklärten Menschen. Doch wer in Klimafragen Skepsis formuliert, wird heute "Klimaleugner" genannt und ins Internet verbannt. Der Konsument liest nun im Web das Gegenteil vom Print. Seine Entscheidung wird ihm damit nicht leichter. 

 Wer alt genug ist, um auf eigene Lebenserfahrung zurückgreifen zu können, ist leicht verführt, die aktuelle Apokalypse als Nachfolgeprojekt all der angekündigten Katastrophen zu empfinden, die dann nie stattgefunden haben. Atomkrieg, Waldsterben, Eiszeit, Ozonloch und Rinderwahnsinn stellen die Erderwärmung in ein schiefes Licht. Dennoch hat man das Gefühl, der Klimawandel sei ernster zu nehmen. 

Haifisch- und Gewissensbisse

Wer überzeugt ist von der Wahrheit seiner Prophezeiungen, kann schwerlich begründen, warum er an seiner Urlaubsgewohnheit festhält. Das Argument, nichts werde so heiß gegessen wie gekocht, verliert vor der Aussicht, selbst gekocht zu werden, seine Strahlkraft. 

 Erst in einigen Jahrzehnten wird sich herausstellen, ob wir der nächsten Ente auf den Leim gegangen sind, oder nicht. Bis dahin müssen auch Zweifler damit leben, täglich mit Anschuldigungen konfrontiert zu sein. Fliegt man auf die Malediven, ist man in Gefahr, angesichts der Korallenriffe nicht vom Hai, sondern vom schlechten Gewissen gebissen zu werden. Das nimmt dem Urlaubsziel einiges seiner Erfreulichkeit. 

Auch dies ist ein häufiger werdender Grund, sich für die Bahnreise zum Plattensee oder die Fahrradtour zum Baggerteich zu entscheiden. Die gesellschaftlich zugemutete Schizophrenie, weiterhin möglichst viel Geld verdienen, sich damit aber nichts mehr leisten zu sollen, kann man dabei ein wenig abstrampeln. 

 Um uns den Verzicht auf Urlaubsreisen schmackhafter zu machen, lohnt sich ein kritischer Blick auf diese sehr junge Tradition. Massentourismus begann in den 1950er Jahren, Fernreisen wurden für die meisten Menschen erst in den 1970er Jahren erschwinglich. In der Nachkriegszeit herrschte lange noch eine Metaphorik der Eroberung, auch wenn sich die Okkupation fremden Territoriums auf das Badetuch beschränkte, mit dem man frühmorgens seinen Stammplatz am Strand von Lignano besetzte. 

 Auch kolonialistische Haltungen waren für die Urlaubskultur 1960 noch charakteristisch. Man erwartete von den Einheimischen Anpassung an ihre Gäste. Für Kellner und Speisekarten war die deutsche Sprache selbstverständliche Pflicht. Neben dem Espresso wurde "Deutschkaffee a la Melitta" gebrüht. 

In der zwänglichen Angestellten-Gesellschaft waren Arbeit und Urlaub die beiden alternierenden Phasen des Jahres. Man legte sich zwei Wochen lang reglos auf den Boden, um an jener Bräune zu arbeiten, mit der man den arbeitsfreien Urlaubsvollzug daheim dokumentieren wollte. Die Familie wurde in einen kleinen Wohnwagen gesperrt, der sich nicht selten in einen emotionalen Druckkochtopf verwandelte, wenn eine äußere Nähe kompensatorisch erzwungen wurde, die innerlich fehlte. 

Erst als Solarien die Fernreise simulierbar machten und der Ozonloch-Diskurs die Sonne zum Feind erklärte, hörte das Bräunen auf, Motiv für Langstreckenflüge zu sein. Weil die touristische Eroberung des Globus immer besser gelang, verlor sie allmählich ihren Reiz. Die schnelleren und billigeren Flugverbindungen rückten entlegene Orte nicht nur zeitlich, sondern auch zivilisatorisch, technisch und kulturell einander immer näher. 

Globalisierung als Feind des Tourismus

In einer globalisierten Welt begegnet man in fernen Ländern nicht mehr einer verblüffend fremden Kultur, sondern internationalen Standards, die sich von daheim kaum noch unterscheiden lassen. In den Museen hängen die immer gleichen Künstler von Paris über Abu Dhabi bis Buenos Aires. Auf den Flaniermeilen der Metropolen trifft man auf die gleichen Läden, Marken und Waren. Hotels, Autos, Bauwerke und Kleidung haben sich vereinheitlicht. 

Alte Bräuche und Gewänder erlebt man nur noch in für Touristen simulierter Form. Selbst die Kulturdenkmäler und Naturwunder verwundern einen nicht mehr. Schließlich hat man sie in vielerlei Medien längst schöner, genauer und näher zu sehen bekommen, als wenn man davor steht. Und wer Jagd auf das "noch Unberührte, Authentische" machen will, muss Gegenden aufsuchen, in denen es nichts gibt, was sehenswert wäre. Die sind dann auch tatsächlich ziemlich touristenfrei. 

Parallel dazu haben wir immer mehr Versatzstücke der Fremde in die Heimat importiert. Alle exotischen Küchen, die einst einen guten Teil der Fremdheitserfahrung ausgemacht hatten, sind in jeder europäischen Stadt vertreten. Auch religiöse Kulte und Praktiken, von Yoga über Zen-Bogenschießen und Mexikanische Indio-Esoterik bis zur Chinesischen Medizin, sind längst zu selbstverständlichen Elementen der europäischen Alltagskultur geworden. 

 Was man im Urlaub sucht, ist eine vom Alltag stark unterschiedene Erfahrung. Bisher konnte die geographische Distanz für uns die kulturelle Differenz und das Erlebnis des Unvertrauten herstellen. Dass dies immer weniger gelingen kann, ist ein ziemlich starkes Argument, nicht länger Zeit und Geld in geflogene Kilometer zu investieren. 

Längst wurde deren Prestige gegen Bedenken getauscht. Klimawandel hin oder her - für den Urlaub der Zukunft müssen wir uns ohnehin etwas ganz Neues einfallen lassen.

(Erstveröffentlichung Sommer 2019 in falstaff living)

Sonntag, 25. August 2019

Immersion, das Happy End der Technikgeschichte im Badewannen-Paradigma künstlich intelligenter Umgebungen



Wie wirkt sich die maschinelle Antizipation von Wünschen auf das Wünschen aus?

"Aus Ihrem Tagesverlauf am Arbeitsplatz berechnet Ihr digitaler Assistent die Wahrscheinlichkeit, mit der Sie heute nach dem Heimkommen ein Bad nehmen wollen werden. Steigt diese, beginnt Ihr Smart Home den dafür nötigen Energie- und Wasserverbrauch mit den verfügbaren Ressourcen und Ihrem Bedürfnisentwicklungsprofil abzugleichen. 

Parameter wie die Wettervorhersage für Sonnen- und Windenergie, erwartbare Preisentwicklung öffentlicher Versorgungsnetze inklusive der Strafzuschläge für Ihr Wasser- und Energienutzungsverhalten werden ebenso in den Algorithmus einbezogen wie die im Grid Ihrer Nachbarsiedlungshäuser in Kellerspeichern und E-Auto-Batterien verfügbaren Stromreserven. 

Dem antizipierten Preis Ihres Wannenbads (siehe Smart-Watch) stehen nun Ihre Bedürfnisfaktoren des Tages gegenüber. Bewegungstracker summieren die körperliche Belastung, Auswertung der Gesprächsinhalte und permanente Messung von Kreislauf und Schwitzen ergeben die psychische Belastung. 

Die für den baderelevanten Zeitpunkt erwartbaren Bedürfnisvektoren Stress, Erschöpfung, Aggression, Einsamkeit, Frustration und regressive infantil-metaphorische Lustmomente werden ebenso berücksichtigt wie der objektive und subjektive Kontostand. 

Da die Trefferquote Ihrer antizipierten Entscheidung bekanntermaßen bei 95% liegt, wird Ihr Smart Home Sie beim Betreten Ihrer Wohnung bei Ihrer Begrüßung darauf hinweisen, dass es bereits das Badezimmer im ökogesetzlichen Rahmen vorgeheizt und Badewasser in Ihrer individuellen Wohlfühltemperatur eingelassen hat!"

Dieser Text ist nicht fiktional. Sein Kern entstammt der PR-Aussendung eines Smart Home Herstellers, er ist erweitert mit anderen bestehenden und in Entwicklung befindlichen Technologien.

Das Happy End des Arbeitstages ist ein Entspannungsbad. Auf dem Weg vom aufkommenden gefühlten Bedürfnis zu seiner Befriedigung gibt es nun die neue Trennungs- und Übergangsstation der vernetzten, datenreichen und intelligenten Dingwelt, deren Programm es ist, die Wünsche des Menschen zu antizipieren. 

Drei strukturelle Veränderungen im Verhältnis zwischen Mensch und Maschine führen zusammen in eine Art Badewannen-Paradigma der neuen Technologie:

Die Maschine ist nicht mehr als Werkzeug zuhanden, ist kein begrenztes Ding, das der Mensch nutzen kann oder nicht. Vielmehr ist der Mensch eingebettet in einen maschinellen Zusammenhang. Technik wird zu einer unentrinnbaren Umgebung ohne Außen, das Verhältnis zu ihr ist die Immersion.

Sprachsteuerung und KI haben das Haus wie auch das Auto zu einem personellen Du gemacht, mit dem Dialoge geführt werden.

Big Data und mit Sensoren ausgestattete Wearables ermöglichen hochwahrscheinliche Antizipationen des Verhaltens und damit auch des Wünschens. Die aus der Vernetzung der Geräte gewachsene, lebensbegleitende Gesamtmaschine weiß früher als ich, was ich wünschen werde, und ist daher in der Lage, mir Wünsche zu erfüllen, bevor ich diese noch in mir bemerken konnte. Das Zielobjekt taucht früher auf als der Wunsch nach ihm. 

Was macht das mit der menschlichen Fähigkeit, Wünsche zu empfinden? Funktioniert die Wunschproduktion auch ohne das Gewahrwerden eines Mangels? Verschiebt sich der Wunsch, der nie gefühlt und doch erfüllt wurde, automatisch weiter auf ein alternatives Objekt? Wie unterschiedlich wirkt die Antizipationstechnik auf manifeste Wünsche und unbewusstes Begehren? 

Was passiert mit dem prinzipiellen Mangel im Psychischen, wenn ihm verwehrt ist, in einem manifesten auf ein Objekt gerichteten Wunsch nach außen getragen und in eine Aktivität des Abarbeitens transformiert zu werden? 

Das wunschantizipierende Haus ist eine Art Supermutter, die immer besser weiß, was für mich das Beste ist. Bin ich in der immersiven Technik-Badewanne im wunschlosen Glück, in einem Happy End der Technikgeschichte angekommen  - und bin ich darin immer noch Kapitän?       
             
Wolfgang Pauser

Sonntag, 4. Juni 2017

Outdoor, die Wildnisform des Paradieses

Outdoor ist nicht einfach draußen, sondern ein nichtdigitales Medium, eine blühende Sehnsucht und eine konsumkulturelle Bewegung.



Outdoor – draußen vor der Tür – könnte man einen Ort vermuten, zu dem der Mensch nichts beisteuern muss, weil sich dort etwas ganz von alleine selbst produziert, steuert und verwirklicht: die sogenannte Natur. Da diese aber seit 10.000 Jahren beackert, verwendet, verwandelt und gestaltet wird, hätte sie es eigentlich gar nicht mehr verdient, Natur genannt zu werden. Richtig müsste man all das, was draußen gedeiht, wie etwa Wiese und Wald, Kultur nennen. Dieser Begriff ist schließlich abgeleitet von der Agrikultur, von Anpflanzung und Ackerbau. Trotzdem scheinen wir ohne „Natur“ nicht auszukommen. Wir brauchen sie als symbolischen Gegenpol innerhalb der Kultur, um uns ein Äußeres zur Kultur vorstellen zu können. Etwas, das nicht Kultur wäre. Eine Repräsentation des Unkontrollierten, des Anderen. Einen imaginären „Outdoorbereich“ unserer Zivilisation. 
 
Outdoor ist ein treffender neuer Name für die Natur, die keine mehr ist. Er klingt nach Marketing und spricht dabei ganz ehrenhaft die Wahrheit. Denn obwohl Pflanzen nach wie vor sich selbst produzieren, haben wir längst das Produzieren von Natur selbst in die Hand genommen. Outdoor ist ein wachsender Markt äußerst heterogener Produkte. Vom Geländefahrzeug für den Innenstadtbetrieb über das Himalayazelt für den Campingplatz bis zur App für den Sensor, der stündlich die Bodenfeuchte im Rollrasen misst. Von der Samenbombe des Guerillagärtners über die Gartenmöbelversion eines Designklassikers von Corbusier bis zum Schnittlauchblumentopf für das gemeinschaftlich genutzte Vertikalbeet am Bürodach. 


Wäre die Natur an sich begehrenswert, bräuchten wir vielleicht nicht so viele Werkzeuge, um ihr nachzustellen. Doch sie entzieht sich wie der Horizont, auf den man mit dem Auto zufährt, ohne jemals anzukommen. So ist das eben mit den kulturellen Phantomen: sie halten uns in Bewegung. Um sich mit der Natur zu vereinen, muss man immer noch einen Schritt weiter gehen. Um ins Outdoor zu gelangen, muss man immer noch eine weitere Türe durchschreiten, etwa die in den Garten. So klein dieser auch sein mag, birgt er doch in sich eine verlässliche Unendlichkeit. Mit der Arbeit an ihm wird man niemals fertig sein. Ebenso wird seine Ausstattung immer noch eine kleine Ergänzung ermöglichen. Richtiges „Garteln“ beginnt am Samstag mit einem Großeinkauf.


Beinahe vergessen ist, dass die Natur über Jahrtausende der größte Feind des Menschen war. Eine Umgebung voll von tödlicher Gefahr. Vor dem 18. Jahrhundert wurden Berge nicht als schön empfunden, sondern als hässlich und schreckenerregend. Niemand wäre auf die Idee gekommen, freiwillig in die Höhe zu klettern. Natur war das, was der Mensch beherrschen wollte und musste, um zu überleben. Die Geschichte der Technik ist eine Siegesgeschichte über den Erzfeind, die Natur. 

Wildnis im Paradies
Seit Urzeiten mühten wir uns um die Beherrschung der Natur, jetzt sind wir beherrscht von der Sehnsucht nach ihr und wollen sie zurück. Allerdings nicht in Form einer tatsächlichen Wiedererrichtung ihres grausamen Regimes. Zwar siedeln wir neuerdings Wölfe und Bären in entlegenen Wäldern an. Auf unsere Ausstattung mit Schusswaffen wollen wir jedoch nicht verzichten. Bei den Gartenpflanzen schätzen wir Artenvielfalt und ein breites Sortiment. Bei tödlichen Gewächsen wie Tollkirsche und Fliegenpilz wäre es mit der Natürlichkeit dann aber entschieden zu viel. Man muss schon Impfgegner sein, um Masernviren genau so lieben zu können wie Hauskatzen. 


Auch wenn es garstig klingt: Die gegenwärtige Natur ist eine geschminkte Leiche. Dies ist die Voraussetzung unserer Liebe zu ihr. Das kürzeste Resümee der Menschheitsgeschichte lautet: Wir haben die Technik entwickelt, um die Natur zu besiegen und diese sodann in ästhetisierter Form als Dekoration wieder zur Erscheinung zu bringen. Unser aktueller Naturkult ist eine pseudopazifistische Siegesfeier, die Topfpflanze unsere liebste Trophäe. Seit es Natur nur noch als kulturelles Arrangement gibt, das als Landschaft den gesamten Planeten bedeckt, steht Outdoor für die räumlich projizierte Fantasie eines Außen, eines gelobten Landes, in dem man gleichsam von einem Bären gefressen werden könnte, ohne dabei Schmerz zu empfinden, man dabei am Leben bliebe und auch noch als Zuschauer das abenteuerliche Erlebnis beklatschen könnte. Was wir heute Natur nennen, ist ein Artefakt, eine symbolische Repräsentation jenes Zustands, von dem wir uns einst abgestoßen haben, um zivilisierte Menschen zu werden. Gärten sind dazu da, diesen Triumph gebührend zu feiern und seine Gewalttätigkeit als Vorzeigefriedlichkeit auszugeben.

Kombinatorik von Outdoor-Mythen

Die Frage nach dem Ursprung des Menschen wird von zwei konkurrierenden Outdoor-Mythen beantwortet, der eine spielt in einem Garten, im Paradies. Aus diesem sind wir immer schon vertrieben. Eden ist ein Garten, in dem das Gesetz der Natur, dass ein Wesen sich todbringend übers andere hermacht, nicht gilt. Auch die Notwendigkeit, Nutzpflanzen anzubauen oder auch nur Gartenarbeit zu verrichten, ist hier aufgehoben. Die Sehnsucht nach einem gewaltfreien Dasein auf Erden wird zurück projiziert und als Verlustgeschichte erzählt. 

 
Der zweite Outdoor-Mythos ist viel jünger, er antwortet nicht mehr auf die Mühen des Ackerbaus und der Jagd, sondern auf die normativen Anforderungen der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts: Die „Wildnis“ ist wie das Paradies ein fantasierter Sehnsuchtsort, bewohnt vom „Edlen Wilden“, einem unschuldigen Menschen, der noch nicht von der Gesellschaft und ihrer Kultur verdorben ist. Die Wildnis ist Sinnbild der Kritik an einer bereits hoch entwickelten Zivilisation. Ähnlich wie im Paradies wird hier kein Ackerbau betrieben. Der Idee eines Gartens jedoch steht die Wildnis feindlich gegenüber. Schließlich wurden im Schlosspark zu Versailles Pflanzen als Medien eingesetzt, um die Gesellschaftsordnung abzubilden. Im Barockgarten zeigen sich die Herrschaft über die Natur und die absolutistische Herrschaft über den Menschen als Einheit. Wildnis ist die Antwort darauf – ein Antigarten gegen die Überzivilisation.

Auch heute ist der Garten ein Medium zur Inszenierung gesellschaftlicher Leitbilder, mit stark erweitertem Vokabular. Das idyllische Paradies herrschte im 20. Jahrhundert. Erst mit dem Aufkommen des Ökogedankens erhielt es Konkurrenz von der Wildnis. Mittlerweile treten die beiden Gegenspieler oft gemeinsam auf und in allerlei Mischungen. Im sogenannten „Naturgarten“ etwa will der Mensch künstlich das Natürliche herstellen. Worin die Besonderheit eines „Outdoor-Regenschirms“ besteht, bleibt noch zu klären. Erst in jüngster Zeit ist neben dem Paradies und der Wildnis, neben Ziergarten und Outdoorabenteuer ein dritter botanischer Wunschtraum auf den Plan getreten. Nutzpflanzen verdrängen nun Blumen aus ihren angestammten Beeten, Gemüseanbau ist der letzte Schrei. Seit der Finanzkrise wäre man gerne autark, als Selbstversorger beim Crash vor dem Verhungern bewahrt. Das wird mit Tomaten am Balkon zwar nicht gelingen. Aber beim Paradies und bei der Wildnis hat schließlich auch niemand nach der Realität gefragt.

Erstmals erschienen in Falstaff Living 02/2017  





Freitag, 16. Dezember 2016

Warum Sofas begehrenswert sind

Sofa Freistil von Rolf Benz


Wir alle sind Sofasurfer. Mit Knabbergebäck und Bierdose auf der Fernsehcouch findet der moderne Mensch seine Mitte. Warum ist das so?

Die erfolgreichste kulturelle Erfindung des letzten halben Jahrhunderts war die Fernsehcouch. Gemeinsam mit einem niedrigen Tischchen und dem Fernsehapparat ist sie das Zentrum eines Rituals, zu dem auch spezielle Speisen und Getränke gehören. Diese müssen nicht nur praktisch für den Verzehr im freien Luftraum geeignet sein, sondern auch dem Geist des Sofasitzens gerecht werden.

Sigmund Freud hatte die Couch zum Werkzeug seiner Heilbehandlung gewählt, weil sie den Körper in eine Mittelstellung bringt zwischen Sitzen und Liegen. Liegenden droht die Gefahr, einzuschlafen. Aufrechtes Sitzen hielte die bürgerliche Tagesverfassung sittsamer Selbstkontrolle allzu sehr aufrecht. Die 45° Sitzstellung sollte die Wachsamkeit über die innere Traumwelt schwächen. Als Heilinstrument war es die Aufgabe der Chaiselongue, eine Übergangszone zwischen der Tagwelt der Selbstüberwachung und der Nachtwelt der Traumversunkenheit zu installieren.

Freuds Couch bringt Träume und Unbewusstes zur Sprache und zutage. Wie die moderne Fernsehcouch kombiniert sie eine plappernde Tonspur mit dem phantastischen Geschehen eines inneren Films. Auch die Couch selbst hat ein Unbewusstes, das sie uns erzählen kann. In ihren Polstern stecken persönliche Erinnerungen, allgemeine Assoziationen und kulturelles Gedächtnis. Diese Bedeutungstiefe machen wir uns nicht bewusst, weil wir ja gar nichts anderes als sitzen, fernsehen und knabbern wollen.

Betrachten wir das idealtypische Sofa unserer Zeit. Stilistisch vom Bauhaus inspiriert, übertreibt es dessen Prinzipien des Rechteckigen und Flachen in neomodernistischer Manier. Warum ist das heutige Sofa so niedrig, warum die Sitzfläche viel tiefer, als ein Menschenschenkel lang ist? Die Motive dieses Designs liegen im kulturellen Bruch der 1960er Jahre, im Protest gegen den „aufrechten Bürger“. Für diesen war eine Körperhaltung wichtig, die Selbstbeherrschung, Höflichkeit, gutes Benehmen, Respekt und Distanz signalisierte. „Sitz ordentlich!“, wurden die Kinder häufig gemahnt – das schlimme Gegenstück zum disziplinierten Sitzen nannte man „Lümmeln“. Sitzmöbel der 50er Jahre hatten Modernität noch bewiesen durch Buntheit, Streulage und Abrundungen, die auf die Aerodynamik der Fahrzeuge anspielten. Die Sitzstellungen aber blieben von wohlerzogener Artigkeit und aufrechter Haltung geprägt. In einem weichen Polstermöbel zu versinken war nicht angebracht.

Die Hippies brachen mit traditionellen Förmlichkeiten und propagierten die Entformalisierung aller Lebensbereiche. Beim Zusammensitzen im Wohnzimmer wurde auf Höflichkeitsfloskeln ebenso verzichtet wie auf stramme Körperhaltungen. Nicht länger steif und förmlich, sondern unmittelbar, direkt, locker und entspannt wollte man nun beisammen sein. Aufrechte Haltung geriet in den begründeten Verdacht militärischen Ursprungs. Die Nazizeit war von Exzessen der Rückgrat-Begradigung zum Aufrechten geprägt gewesen. Dem antwortete die Protestgeneration mit radikaler Horizontalisierung. Das Wohnen und Sitzen zeigte ab 68 einen Hang zum Bodennahen.

Sitzmöbel widersprachen generell dem Geist der neuen Zeit. Schließlich wollte man die Zivilisationsgeschichte rückabwickeln. Dabei landete man auf dem Boden und erklärte diesen zur ideologisch optimalen Sitzfläche. Die Idee des „Guten Wilden“ von Rousseau wurde nicht nur frisurtechnisch, sondern auch wohnräumlich nachinszeniert. Auch die Kinder waren nun Vorbilder, soweit sie unerzogen waren und damit zeigten, noch nicht von der Zivilisation verdorben zu sein. Kinder und „Wilde“ sitzen ihrer Natur nach nicht aufrecht auf Stühlen. Sie gehen barfuß und hocken am Boden.

Der zottelig weiche Flokatiteppich linderte ein wenig die Unbequemlichkeit beim „Sit-in“. Der Sitzsack war eine Kompromissbildung zwischen Boden und Sitzmöbel. Er inszenierte das Prinzip der Entformalisierung in Reinkultur. Auch dementierte er, überhaupt ein Möbel zu sein. Tiefer ins Bodennahe ist die Menschheit niemals versunken. Abkehr von sozialen Hierarchien und Streben nach ökonomischer Gleichheit fanden sitztechnisch in der Bodenhaltung ihren privaten Ausdruck. Hohe und aufrechte Sessel verströmten nun den Geruch des Antimarxistischen.

Die ideale Couch der Gegenwart weiß nichts mehr vom Kulturkampf ums Gesäß, trägt aber seine Spuren. Auf dünnen Beinen schwebt sie unterhalb der Wadenlänge. Mit ihrer Sitztiefe können die Oberschenkel nicht mithalten. Auch ist sie länger als der ganze Mensch. Damit zwingt sie zu einer Sitzhaltung, die weder vom Design des Möbels noch von gesellschaftlicher Sitte vorgegeben ist, sondern spontan und wechselhaft vom Sitzenden ganz autonom und individuell gefunden werden muss. Die einst vom formlosen Bodensitzen demonstrierte Freiheit der Gesellschaft lebt in der vom Sofadesign erzwungenen Freiheit der Körperhaltung fort. Im politisch-ökonomischen Kontext der Gegenwart hat sich die Freiheit jedoch in eine Inszenierung von Freizeit verwandelt, die privat und individuell zu nutzen ist.

Als Freizeitmöbel steht die bodennahe Lümmelfläche nicht mehr in Opposition zur alten Disziplinargesellschaft der Fremdzwänge. Sie dient vielmehr zur Kompensation der freiwilligen Arbeitsüberlastung in der Konkurrenzgesellschaft. Wer nach der Arbeit entspannt, chillt oder abhängt, tut dies meist im Geist der Erholung. Erholung macht fit für die Arbeit. Das Sofasitzen erhält damit einen von der Arbeitsleistung abgeleiteten Wert. „Ich muss mich in der Freizeit entspannen“, sagt man heute. So betrachtet wird die Couch zum Werkzeug der Selbstoptimierung, gerade weil sie die zeitweilige Entlastung von der Arbeitspflicht wie eine Bühne körpertheatralisch inszeniert.

Auf dem Sofa befindet man sich gleichsam im Leo, entrinnt den wachsenden Anforderungen an Strebsamkeit und Moral. Dazu passt, dass es sich hier auch für die klügsten Leute geziemt, die dümmsten aller Fernsehserien auf sich einströmen zu lassen. Der die Aktivitätspflicht kompensierende Passivitätskult des Sofasitzens hat auch die Rezeption des Mediums verändert. In der Frühzeit waren die Menschen noch aufmerksam vor dem Fernseher gesessen und hatten so diszipliniert eine „Sendung“ verfolgt, wie in der Kirche die Predigt, in der Schule den Unterricht oder im Kino ein Werk der Filmkunst. Ab den 70er Jahren entzogen immer mehr Leute der Flimmerkiste ihre Aufmerksamkeit. Der Fernseher lief den ganzen Tag, aber man sah nicht mehr hin und hörte nicht zu.

Die heute allgemein geltende „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ ist auf dem Fernsehsofa ausgesetzt, hier ist die Unaufmerksamkeit Programm. Man plaudert, kuschelt und telefoniert, schreibt Whatsapp-Nachrichten, streunt durchs Web per Tablet. Das Sofa ist die Entlastungszone von allem, was man soll. Deshalb schickt es sich auf der Fernsehcouch nicht, ein Bier aus dem Glase zu trinken oder den Hamburger mit Besteck vom weißen Teller zu essen. Der Couchtisch muss niedrig sein, um etwaige Ambitionen, beim TV-Dinner nicht wie ein Kind kleckern und bröseln zu wollen, gar nicht erst aufkommen zu lassen. Knabbergebäck muss hier ausnahmsweise der Gesundheitspflicht trotzen. Wer eine Karotte vorzieht, hat den Kult nicht verstanden. Auf der Fernsehcouch wollen wir nicht aktiv Gutes essen. Wir wollen von der schlimmen Industrie gefüttert sein.

Erschienen in Falstaff Living 2016 

Samstag, 12. November 2016

Sex und Tugend des Salats



Salat ist keine Kategorie der Botanik, sondern der Kulinarik. Seine steile Karriere machte er als Verführer. Aus der Beilage wurde ein Hauptgericht.

Mitte des 20. Jahrhunderts war Salat eine Randerscheinung im engsten Sinne des Wortes. Serviert wurde er in einer kleinen Glasschüssel neben dem Rand des Tellers oder, in seiner äußersten Schwundstufe, als einzelnes halbwelkes Blättchen am Tellerrand, das man besser nicht aß, da es ohnehin nur zu Zwecken der Dekoration, als grüner Farbtupfer mit rotem Paprikastreifchen, aufgetischt war.

Salat galt als Arme-Leute-Essen, als Hasenfutter und Sättigungsbeilage. Ein Gericht hatte ein Zentrum und eine Peripherie, eine Substanz und Nebensächlichkeiten. Am untersten Punkt in der Wertehierarchie fristete der Salat sein verächtliches Dasein. Als zierliche Garnitur am Tellerrand war es seine primäre Aufgabe, das Zentrum kontrastierend zum Zentrum zu machen. Ohne Unwichtigkeiten kann man schließlich keine Wichtigkeiten verzehren. Hierarchie war noch nicht verpönt, sondern genoss als gute Ordnung der Gesellschaft höchstes Ansehen.

Doch jede gute Ordnung braucht ihre bösen Durchbrechungen.  Von den 1930er bis in die 1970er Jahre repräsentierte die Mounier-Bar in der Wiener Kärntnerstraße das Gegenuniversum zur ordentlichen Salatkultur. Die Tagesbar war eine Sektbar und Salatbar. Hier gab es nur Salate. Diese waren nicht Randerscheinung, sondern das Zentrum eines leicht anrüchigen urbanen Mittagsmahls.

In der Mounier-Bar war alles französisch, und alles Französische galt damals als Frivolität. Für den sexualunterdrückten Österreicher anno 1965 war eine Reise zum Moulin Rouge die aufregendste aller erotischen Fantasien. Die Serviererinnen der Mounier-Bar waren gut ausgesucht für den Import französischen Flairs ins verschlafene Wien. Sie trugen stark blondierte Beehive-Frisuren, benannt nach Bienenkörben, die sich von Festigerspray getragen über ihren Köpfen türmten. Es waren in die Jahre gekommene Schönheiten, gewürzt mit einer Prise des Ordinären, was bei den Gästen ein nie endendes Rätselraten provozierte, welchen Beruf denn die Damen zuvor ausgeübt haben könnten. 

Zugleich war in der Mounier alles recht nobel und fein. Man versank tief in den Canapés und hatte alle Mühe, von den winzigen Tischchen zu essen. Die Zweckwidrigkeiten übersetzten das Luxuriöse in eine Körpererfahrung.
Diese frivole Atmosphäre erfüllte die französischen Salate mit aufregender Bedeutsamkeit. Sie trieften von Fett und Mayonnaisen. Fleischsalat, Fischsalat, Schinken- , Eier- und Käsesalat, Nudel- und Kartoffelsalate wurden mit modernen Köstlichkeiten wie Dosenmandarinen und Ananasscheiben veredelt. Curry- und Remouladensaucen flossen reichlich, Cocktailkirschen waren die Krönung.

Zu unserem heutigen Verständnis von Salat lässt sich kein stärkerer Kontrast denken. Die üppig-dekadenten „französischen“ Salate assoziierte man mit Adel und Großbürgertum, den bodenständigen grünen Salat mit Kleinbürgern, Bauern und Arbeitern. Die Kulturkampflinie trennte das luxuriös Kultivierte vom Rohen, Niedrigen, Zurückgebliebenen und Ärmlichen. Rohes Grünzeug galt als Nahrung für Tiere und „die Wilden“, als Futter außerhalb jeder wahren Zivilisation. Diese wurde immer noch an der Erfindung des Feuers festgemacht, die das Rohe vom Gekochten schied.

Lange vor Beginn des Gesundheitsdenkens strebten junge, modebewusste Frauen bereits nach Schlankheit. Obwohl deren Motive noch als eitel bekrittelt wurden, waren sie doch die Initiatorinnen für den Aufstieg des grünen Salats. Der Speisekarten-Hit Blattsalat mit Hühnerstreifen rückte das Grünzeug vom Rand ins Zentrum. Die Kombination von Fleisch und Salat hatte ausschließlich die Funktion, den Magen auch ohne Kohlenhydrate zu füllen.
Den nächsten Karriereschritt verdankt der Salat seiner Farbe, die nicht zufällig identisch war mit einer neuen politischen Bewegung, die Anfang der 80er Jahre an Breite gewann. Die Grünen stellten die alte Hierarchie zwischen Kultur und Natur auf den Kopf. Kulturprodukte wie Wiese und Wald wurden zur Natur erklärt und zum gesellschaftlichen Ideal verklärt. Bis heute zieren grünfärbige Idealbilder des vermeintlich Natürlichen jede Kunststoffverpackung von Lebensmitteln im Supermarktregal. Ihre Aufgabe ist es, die Verdacht weckende Länge der Inhaltsstofflisten ästhetisch zu kompensieren.

Seither gilt der grüne Salat als essbarer Inbegriff aller grünen Ideen. Mit deren Erfolg wuchs sein eigener. So sehr, dass heute schon ein einzelnes Salatblättchen genügt, Fastfood wie Hamburger oder Salamiweckerl das Image des Natürlichen zu implementieren. Gemeinsam mit oben aufgeklebten Körnern ist das seitlich hervortretende Salatblatt so etwas wie eine Fahne des imaginären Naturguten.

Während das Natürliche anfänglich bloß als antiindustriell, antikapitalistisch und antichemisch definiert war, wuchs seine Bedeutung, als ab den 1990er Jahren der Wert des Gesunden damit gleichgesetzt wurde. Der Weg des Salats durch die jüngere Geschichte gleicht dem eines Sammlers – von jedem Trend nimmt er sich ein Stückchen Bedeutung mit. Jedes seiner Blätter ist heute dicht beschrieben mit allen heiligen Modeworten und -werten unserer Zeit. Es kündet uns von Schlankheit, Sportlichkeit, Gesundheit, Reinheit, Regionalität und Naturverbundenheit, auch wenn es nur auf der Autobahnraststätte aus einem eingeschweißten Kornspitz quillt.

Kann ein Pflänzchen mehr Bedeutung haben? Es kann! Seit Grün nicht mehr mit Umweltverschmutzung, sondern Klimakatastrophe argumentiert wird, hat sich der gute Sinn des Salats in planetarische Dimensionen erweitert. Angesichts solcher Bedrohlichkeit ist der Salatpflanze neuerdings auch noch ein moralischer Mehrwert zugewachsen. Freilich nur symbolisch – die Umweltschäden spanischer Salat-Massenproduktion für den deutschen Markt stehen auf einem anderen Blatt.
Auch beim aktuellsten Trend steht der grüne Salat im symbolischen Zentrum und gewinnt weiter an moralischer Aufladung. Gesundheit war noch ein egoistischer Wert, Wetterrettung zwar schon altruistisch, aber immer noch egoistisch auf den Menschen bezogen. Erst mit der Ausweitung auf das Tierreich ist die Moral beim totalen Altruismus angelangt. Im Vegetarismus und Veganismus symbolisiert der Salat das Nichttierische schlechthin, den demonstrativen Tierverzicht auf dem Teller.

Der Trend zur fleischlosen Ernährung bringt für den Salat zwar die höchste Stufe seiner Wertansammlung, zugleich aber auch seine letzte. Setzt sich der Veganismus durch, ist die Geschichte des Salats zu Ende. So wie dem Fisch der Begriff vom Wasser fehlt, solange er nicht gefischt wird, braucht es auch keinen Salatbegriff mehr, wenn die Menschheit nur noch von Grünfutter lebt. Die trendige Speise von heute präsentiert sich als Zusammenstellung warmer und kalter Pflanzenteile. Wenn alles Salat ist, ist nichts mehr Salat.

Die gesundheitsfördernden Eigenschaften des Salats sind – gelinde gesagt – umstritten. Er habe „die Ernährungsphysiologie eines Papiertaschentuchs mit einem Glas stillen Wassers“, bescheinigt ihm der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer. Sein Gehalt an Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen sei unterdurchschnittlich, der Rest eine „große Salatlüge“.


Die Wahrheit des Salats ist, dass er seine steile Karriere als Botschafter gemacht hat. Jeden Trend, jede neue Ideologie, jeden Wertewandel trug er durch den Mund in die Menschen hinein. Sein Mangel an materiellen Inhaltsstoffen scheint ihn zu prädestinieren, als stofflicher Träger gedanklicher Inhalte so erfolgreich zu sein.

Erschienen in: Falstaff Living 

Montag, 31. Oktober 2016

Holz und Wellness



Der Wellness-Kult hat das Material Holz umcodiert. Seither hat Holz einen "Wellnessfaktor". Das alltägliche Material erglänzt im Schein neuer Werte.



Bild: Wellnesszone von Brantner Holz Manufaktur  Website 

Viele Dinge des Alltags sind aus Holz. Bei vielen von ihnen ist uns das Holz so alltäglich, dass es nicht weiter auffällt. Utensilien nannte man einst jene Gegenstände, bei denen der Gebrauch so stark im Vordergrund steht, dass wir den Unterschieden ihrer materiellen Beschaffenheit nicht allzu viel Aufmerksamkeit widmen. Zu Kleiderbügeln, Kochlöffeln und Bleistiften pflegt nur ein kleiner Teil der Menschen die intensivierte Beziehungsform des Gourmets oder Fetischisten. Woraus Zahnstocher, Eis-Stiele und Streichhölzer bestehen, ist schließlich allen egal.

Doch es gibt sie: Stammkunden des Manufactum-Katalogs, Alphamänner, die auf hölzerne Schuhstrecker schwören, Kräuterfrauen, die fürchten, aus dem Kunststoffschneidbrett könnten böse Moleküle vergiftend ins Biogemüse eindringen. Vom Marketing nach Kräften gefördert, mehrt sich die Minderheit der Obsessiven langsam, aber stetig. In ihren wohlinformierten Augen wandelt sich Alltägliches zu Besonderem.

Gegenüber den praktisch Orientierten finden sich – am anderen Ende des Spektrums - die Holzbegeisterten. Nicht nur das Material ist ihnen nicht egal, auch auf feinste Nuancen der Oberflächen und Farbtönungen, kombiniert mit spezieller Formgebung des Gegenstands, legen sie hohen Wert. 

Seit die Gesellschaft in immer mehr Kulturen zerfällt, die nebeneinander und auch gemischt koexistieren, hat auch das Holz seine möglichen Bedeutungen vervielfacht. Neue Moden, Trends, Ideologien und Marketingoffensiven vermehren kontinuierlich die Mythen und Zuschreibungen, mit denen hölzerne Dinge aufgeladen werden. 

Damit wird Holz zum Spiegel, in dem sich die jeweils aktuelle Gliederung der Gesellschaft in subkulturelle Milieus, Werte- und Glaubensgemeinschaften abbildet. Holz wird zum Medium und zur Sprache, die uns verschiedene Geschichten erzählt und erzählen lässt.

Zeige mir deinen Holz-Mix, und ich sage dir, wer du bist. Zwischen rustikalem Braun und Biedermeierfurnier tun sich kulturelle Abgründe auf. Fischgrät- oder Stabparkett, das ist die Frage, an der Liebe und Hass gegenüber der architektonischen Moderne sich scheiden. Eine hohe Zahl an Astlöchern in hellem Holz bemisst den Grad jener Bio-Gesinnung, die in den Achtziger Jahren Verbreitung fand. Ebenfalls unlackiert, jedoch ohne Astlöcher und in graubraun stumpfen Tönungen kommen jene Produkte daher, die dem Wellness-Kult seine hölzernen Formen der Anschaulichkeit geben.

Holz ist zum Wellness-Baustoff schlechthin geworden. Im Bezugssystem der Wellnessbewegung symbolisiert es „Natürlichkeit“ und „Gesundheit“. Dank dieser doppelten Zuschreibung fungiert Holz als tragende Säule der Ideologie, da es die vermeintliche Einheit der beiden Begriffe verkörpert. Für Wellness-Jünger gilt nämlich Gesundheit als natürlich und die Natur als gesund. Die Hohepriester gehen so weit, im Holz an und für sich ein Heilmittel des Leibes, des Geistes und der Seele zu sehen.

Auch wenn Krankheit ein Naturphänomen ist, dessen Heilung teils durch die Regenerationsfähigkeit des Organismus, teils durch menschliche Eingriffe erfolgt, stört doch das Realitätswidrige der Gleichsetzung von Natur und Gesundheit die Wellness-Gläubigen kaum. Schließlich ist es das Wesen jeder Heilslehre und Religion, Wunschvorstellungen den Vorrang gegenüber der Wirklichkeit einzuräumen. Und weil der Glaube Berge versetzt, wirkt schließlich auch der Holzglaube heilsam. Ist denn nicht alles wirklich, was wirkt?

Über jeden Zweifel erhaben ist die heilbringende Wirksamkeit des Wellness-Faktors auf die Holzmärkte. Das von der Lebensmittel-Industrie für die Verbreitung der Naturgesundheits-Esoterik eingesetzte Kapital kann nun mit wenig zusätzlichem Aufwand vom Holzmarketing lukriert werden. Der Imagetransfer gelingt umso besser, je genauer man versteht, wie der Wellnessgedanke funktioniert.

Einige wesentliche Unterschiede zum Naturbezug der Ökobewegung zeichnen die Wellnesswelt aus: In den 80ern wollte man auf Konsum und Ästhetik verzichten, um die Natur zu retten – die Ökos waren Altruisten. Die Wellnessbewegten sind Egoisten, ihr eigenes Wohlbefinden soll umfassend und mittels Konsum teurerer Waren und Dienstleistungen gesteigert werden. Nicht Rohes und Ungeformtes, sondern höchste Ästhetisierung und ein spezieller Design-Stil heben sie deutlich von allen Müslis und Schafzuchtträumern ab.

Was man früher eine „Schönheitsfarm“ nannte, ein Bade- und Kosmetikzentrum, wurde durch milde Beimischungen „fernöstlicher“ Esoterik zum Wellnesstempel weiter entwickelt. Hier unterzieht man sich Ritualen der Salbung, Reinigung und besänftigenden Hautberührung, um jene Spannungen abzubauen, die aus der alltäglichen Unvereinbarkeit von Zielen wie Fitness, Geld, Fairtrade, Erfolg, Umweltschonung, Schönheit, Askese, Genuss, Luxuskonsum, gutes Gewissen, Arbeitsleistung, Design, Kinderbetreuung, Schlankheit und Gesunderhaltung resultieren.

Die vielbeschworene Ganzheitlichkeit liegt in dem Versprechen, die Überforderung durch die Zerrissenheiten des urbanen Lebens abwaschen, abspannen und harmonisieren zu können, zwei Stunden oder auch mal ein Wochenende lang. Vor allem aber ist Wellness eines: ein Lifestyle, eine Designanforderung der „Healthstyle“-Zielgruppe an den Markenauftritt der Produzenten. Wer da mitgeht, hat Wellness in der Kasse.

Als diffuser (Mehr-) Wert in Form eines präzisen Designstils sickert der Wellnessfaktor in den Alltag ein. Immer mehr hölzerne Gebrauchsdinge lädt er auf mit quasireligiöser Bedeutung. Mit Wellness-Design erglänzt das Holz im Schein der neuen Werte.

Erschienen in: Zuschnitt, Magazin des Dachverbands der Holzindustrie proHolz
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