Freitag, 6. November 2015

Plastikfenster mit Echtholzfurnier?

Wie der kulturelle Wandel die Bauweise des modernen Fensters beeinflusst


Das Fenster der Gegenwart will kein Fenster sein. Das Antifenster-Fenster entsteht nicht beim Hersteller, sondern aus der Verwendung durch Architekten. An den Fassaden trendiger Einfamilienhäuser tummeln sich zahlreiche Fensterformen: groß wie eine Wand sind sie oder klein wie eine Schießscharte, quer länglich formatiert, an Stellen ohne Aussichtsmöglichkeit angebracht oder zu um die Ecke laufenden Bändern verschmolzen, damit das einzelne dünn gerahmte Fenster in der Serie verschwindet: Alles wollen sie sein, nur keine Fenster.


Die im Antifenster-Fenster sinnbildliche Ambivalenz ist mehr als eine Modeerscheinung, sie ist auch Symptom eines kulturellen Paradigmenwechsels im Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Individuum und Gesellschaft. Was könnte sich dafür besser eignen, als die Schnittstelle zwischen Innen und Außen?

Jahrtausende lang war Bauen ein Projekt des Menschen gegen die Natur. Die Außenmauer jedes Bauwerks, der Stadtbefestigung wie des Hauses, schied die innere Human- und Kulturwelt von der äußeren feindlichen Wildnis. Seit etwa 40 Jahren wird dieses Verhältnis mehr und mehr in sein Gegenteil verkehrt. Seit Weltklima und Wärmedämmung als Themen im Vordergrund stehen, mutiert die Gebäudehülle zu einem gegen die Bedürfnisse des Menschen - zugunsten der "Bedürfnisse der Natur" - gerichteten Projekt. Wo Styroporschichten auf Fassaden geklebt werden, hat das humantypische Anliegen der Ästhetik gegenüber dem moralischen Imperativ der Weltrettung alle Rechte verloren.

Fenster müssen sich heute in diesem Diskurs legitimieren: Sind sie groß, behaupten sie, viel Sonne einzulassen, um die Energiebilanz des Hauses zu verbessern. Sind sie klein, behaupten sie, dem selben Zweck zu dienen, weil sie weniger Energie nach außen entweichen lassen. Funktional betrachtet sind diese Argumente überkomplex, kulturell betrachtet simpel und transparent wie Fensterglas.



Am Anfang dieser Entwicklung stand das "Plastik-Fenster" der 1970er Jahre. Kommuniziert wurde es im Kontext der "Energiekrise" als "Energiesparfenster". Ökologische Gedanken wuchsen ihm erst später zu, die erste Ökowelle war primär gegen alles Künstliche und Industrielle gerichtet und versinnbildlichte sich in möglichst grob aussehenden Naturmaterialien. Kunststoff war ihr natürlicher Feind. Das Energiesparen diente noch dem egoistischen Bedürfnis des Bewohners, Geld zu sparen. Das "Weltklima" war noch kein Thema.

Die neuen Plastikfenster waren blitzweiß, dick und klobig gerahmt. Das lag einerseits an produktionstechnischen Anfangsschwierigkeiten, wurde aber dennoch vom Markt akzeptiert. Schließlich machten die "modernen" Fenster Sparsamkeitsgesinnung und Technikbegeisterung um so deutlicher publik, je auffälliger sie gestaltet waren. Die weißen Wülste waren Demonstrationsobjekte kleinbürgerlichen Stolzes, der aus der Verschandelung des Dorfes sein Triumphgefühl zog. 


Lange brauchte es, bis das nichtatmende Fenster genügend Schimmel produziert hatte, um Hersteller zu zwingen, die Paradoxie nicht länger zu scheuen und gegen die übermäßige Dichtheit Lüftungsklappen einzubauen. Ebenso lange brauchte es, bis die Fensterrahmen dünner wurden und der Gedanke reifte, dass Isolierverglasung und Holzrahmen sich nicht ausschließen müssen.

Von den Bedeutungen dieses Fenster-Dramas der letzten 40 Jahre will sich das Antifenster-Fenster nicht mehr belasten lassen. Zudem bemüht es sich jenen Kulturkampf abzuhängen, in den das Fenster seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber seit dem Beginn der architektonischen Moderne verwickelt ist:

Die Glasfassade wollte die Mauer abschaffen, um den Menschen zu "befreien". Da es ohne Mauer kein Fenster gibt, fiel auch dieses der "Glasarchitektur" zum Opfer. Der Kampf gegen das Fenster ruht auf den ideologischen Grundfesten des Modernismus. Der Dichter Paul Scheerbart versprach sich von der Vollverglasung "kosmische Erleuchtung, höhere Wahrheit und Klarheit der Seele". Das Licht solle, wie Bauhaus-Theoretiker Adolf Behne formulierte, "wie ein Peitschenschlag den hinter Mauern sitzenden Spießer daran hindern, in Stumpfsinn und Gemütlichkeit zu verfallen".

Seit nach der Postmoderne die Neomoderne zurück kehrte, gibt es ein Loyalitätsproblem gegenüber der Pflicht, weiterhin gegen das Fenster zu kämpfen. Der Konflikt zwischen Ökologie und modernistischer Form wird vom Antifenster-Fenster formal gelöst. 


Als Kompromissbildung ist es auch Austragungsfläche für den Widerstreit zwischen dem Interesse der Hausbewohner und dem gesellschaftlich statuierten "Interesse der gefährdeten Natur". Das mehrfach verglaste Holzfenster verhilft dem ökologischen Gedanken über seine funktionale Verwirklichung hinaus zu einer demonstrativ natürlichen Oberfläche. In ihm sind Funktion, Gesinnung und deren ästhetische Anschaulichkeit ähnlich verknüpft, wie beim weiß blitzenden Energiesparfenster des Plastikzeitalters. 

Die neuen Holzfenster haben die gleiche isolierende Funktion wie die Plastikfenster von damals. Was beide mit ihren Oberflächen und Gestalten nach außen der Gesellschaft demonstrieren, könnte verschiedener nicht sein. Das Fenster der 70er Jahre strich den Eigennutz seines Besitzers hervor. Durch das Fenster der Gegenwart will man als Altruist gesehen werden, moralisch bereit, seine eigenen Bedürfnisse den planetarischen unterzuordnen. Auch dann, wenn man aufs Fensteröffnen verzichten muss, weil das die Messwerte des sich selbst überwachenden Passivhauses stören könnte.


Freitag, 25. September 2015

Toiletten und Kulturen

Lokale Toilettenkulturen von der Antike bis ins Zeitalter der Globalisierung


Die historischen Innovationen von Toilettenanlagen ermöglichten neue kulturelle Praktiken im Umgang mit der Ausscheidung, Anhebung der Hygienestandards, Zivilisierung und Kultivierung privater wie öffentlicher WCs. Zugleich gilt das Umgekehrte: Der kulturelle Wandel hat einen bedeutenden Einfluss auf die technische Bauart und die Innovationsmöglichkeiten des Klosetts. Dies zeigt sich an den starken Unterschieden zwischen nationalen Toilettenkulturen im globalen Vergleich. Welche Perspektiven eröffnet die kulturelle Globalisierung für die Weiterentwicklung des WCs?


„Wir untersagen, stinkenden Unrat oder irgendwelche Flüssigkeiten auf die Straßen zu werfen oder zu schütten und in den Häusern längere Zeit Harn aufzubewahren. Wir ordnen an, dass alle Eigentümer von Häusern, Gasthäusern und Unterkünften, in denen es keine Abtrittgruben gibt, sofort, ohne Verzug und umgehend solche anlegen lassen!“ 



Die Geburt der Innentoilette fand 1539 statt. Der Erlass des französischen Königs Franz I. hatte weitreichende Folgen für die Hygienekultur Europas. Er markiert den Beginn der Tabuisierung des Kotes und in der Folge seine Besetzung mit Schamgefühl. Die Stadt roch nun besser, das verschob die Ekel- und Reizschwellen und gab erste Impulse zur Entwicklung höherer Hygienestandards. Dass heute WCs eine Selbstverständlichkeit sind, verdanken wir König Franz I. Er hätte es verdient, von der gesamten Sanitärbranche als ihr Heiliger gefeiert zu werden.

Die Verlagerung der Ausscheidung von der Öffentlichkeit ins Privathaus nannte der Kulturhistoriker Dominique Laporte in seiner „Gelehrten Geschichte der Scheiße“ eine „Domestizierung der Exkremente“: „Erst als Gegenstand der Politik wird die Scheiße zu einer Privatangelegenheit“ und zu einem intimen Objekt. Der öffentliche Raum konnte seine heutige Bedeutung erst gewinnen, nachdem er von Toilettenfunktionen bereinigt war. Heute werden die Ausscheidungen von Wasserspülungen rasch der Wahrnehmung entzogen.

Im Mittelalter und der Antike wurde gemeinschaftlich öffentlich defäkiert. „Sprachhus“ nannte man mittelhochdeutsch den Abtrittsort als Zentrum der gesellschaftlichen Konversation. Nicht anders ging es in den Latrinen der alten Römer zu, langen, mit mehreren Löchern versehenen Steinbänken, die sich in die Cloaca Maxima ergossen, das erste städtische Kanalisationssystem. Europa musste dann bis zur Industriellen Revolution warten, die zu einer Verstädterung führte, welche Kanalisation zur Abführung des anfallenden Abfallenden unausweichlich machte. Ebenso lange dauerte die Entwicklung des Klosetts mit Wasserspülung. Erst im Jahre 1851 wurde es auf der Great Exhibition in London vorgestellt. Verschließbare Klotüren kamen gar erst um 1900 in Mode.

Zivilisierung und Kultivierung von der Toilette her

In seiner „Geschichte der Zivilisation“ zeichnete der Soziologe Norbert Elias eine kontinuierliche Entwicklung zunehmender Zivilisierungen in Europa nach. Für ihn ist Zivilisation ein Prozess, in dem neben technischem, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt auch eine wachsende Differenzierung zu beobachten ist, die sich in veränderten Persönlichkeitsstrukturen niederschlägt: Weil die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Menschen zunehmen, ist mehr Selbstdisziplin, Affekt- und Selbstkontrolle nötig. Zurückhaltung wird zur Tugend. Diese zeigt sich im Vorrücken von Schamschwellen, Peinlichkeitsschwellen und Tabuisierung der Ausscheidung.

Die nur in Deutschland einst geläufige Unterscheidung von Kultur und Zivilisation wird heute nicht mehr getroffen. Zu sehr war „Zivilisation“ noch auf eine eurozentristische Abgrenzung von der „Barbarei“ gegründet, was eine abwertende Haltung gegenüber außereuropäischen Kulturen impliziert.

Auch Walter Hess formuliert in seinen „Nachdenklichen Absonderungen aus dem stillen Häuschen“ ein intimes Naheverhältnis von Kultur und Kloake: „Kulturgeschichte hat immer auch mit Exkrementen zu tun; wahrscheinlich kann man am Umgang mit ihnen von Grund auf lernen, was Kultur ist. Die ältesten Kaueraborte mit Fußplatten fand man in Babylonien über den Wasserläufen des Euphrat, einer ehemalige Hochkultur...“.

Basiert alle Kultur auf solch einer Kultur? Lässt sie sich als anthropologisches Abstoßungsprojekt, Überwindungsprojekt, Negationsprojekt, Verdrängungsprojekt der Ausscheidung erklären? Diese These ist selbstverständlich nicht nur pointiert, sondern speziell auf die europäisch verwurzelte Kulturtradition gemünzt und nur für diese treffend. Schon die Cloaca Maxima wurde oft als Beweis der „Kulturhöhe“ des alten Roms gelobt, ohne von einem Kulturwandel zur Tabuisierung motiviert worden zu sein.

Das Modell einer evolutionären Entwicklung zum „zivilisatorischen Fortschritt“, in dem sich die westliche Gesellschaft, Kultur und Technologie seit der bürgerlichen Epoche begreift, liegt auch der Psychologie zugrunde, wo diese sich des Themas der Exkremente annimmt. Gründervater Sigmund Freud ging von der Entwicklung des Kleinkindes zum Erwachsenen aus und maß dabei den frühesten Phasen die prägendste Bedeutung zu. In der Phase der Reinlichkeitserziehung werden wichtige Weichen zur Charakterbildung gestellt. Das Kleinkind lernt in diesem Konflikt mit der Mutter, dass es einen Wert zurückhalten oder hergeben kann. Dies wird als Initiation der ökonomischen Funktion der Ich-Grenze interpretiert, was in der psychoanalytischen Theorie zur Assoziation von Geld und Kot führte. Als Kind seiner Zeit definierte Freud Zivilisation als „Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung“.

Die kulturellen Unterschiede

Wer die Welt bereist hat weiß, wie verschiedenartig und gewöhnungsbedürftig die Toilettenanlagen in den einzelnen Ländern und Regionen sind. Auch heute, bei annähernd gleichen technischen Möglichkeiten, zeigen sich die Aborte von lokalen Kulturen geprägt. Im Islam spielen Waschungen eine bedeutende Rolle. Was den Körper verlässt, gilt ebenso als „unrein“ wie der Abort ein Unort ist. Der Körper wird mit Wasser und der linken Hand gereinigt, weshalb auch diese mit dem Attribut unrein besetzt ist und für manche Tätigkeiten keine Verwendung finden darf. Die Toiletten sind meist mit speziellen Wasserschläuchen ausgestattet, die dieses tradierte Reinigungsritual auch auf modernen WCs bequem ermöglichen.

Die aus Italien bekannte Hocktoilette, ein von flacher Keramik gefasstes Loch im Boden, ist nicht nur in Südeuropa, sondern auch in Asien und in islamischen Ländern verbreitet. Die amerikanische Klomuschel funktioniert grundlegend anders als die europäische. Der Wasserspiegel ist höher, die Ausspülung beginnt mit einer Strahlpumpe und endet mit einer Saughebe-Funktion. Diese Bauart lässt die Exkremente im Wasserstrudel schwimmend noch ein Weilchen betrachten, was von Medizinern als Vorteilhaft für die Frühdiagnose von Darmerkrankungen gelobt wird. Dieser Aspekt wird nur vom deutschen Flachspüler überboten.

Die nationale Eigenart der britischen Aborte erklärt die Autorin Elisabeth Hewson aus der traditionsreichen Ablehnung, die „Insel-Installateure“ generell der modernen Technik entgegenbringen: „Da liegen Abflussrohre außen, als gäbe es keinen Winter, „verschönen“ die Nassräume innerhalb des Hauses mit ihrem staubfangenden Durcheinander. Da tröpfelt oder schießt es unbestimmbar in Temperatur und Menge aus Brauseköpfen. Da muss man den richtigen Schwung heraus haben, um die Klospülung zum Rinnen zu bringen. Da gibt es Einhebel-Wasserhähne, die sich nur voll aufdrehen lassen, erst dann kann man die Temperatur einstellen. Oder andere, die sich sowohl drücken als auch drehen lassen, bis man weiß, wohin, ist man verbrüht oder erfroren. Gar nicht zu reden von den immer noch vorhandenen, weit auseinander liegenden, an die Waschmuschel gepressten (damit man ja nichts, einen Zahnputzbecher zum Beispiel, darunter stellen kann) separierten Heiß- und Kaltwasserhähnen.“

Auch auf die Frage, warum das so ist, weiß Hewson eine Antwort: „Die Briten waren die ersten. Die ersten mit Wasserklosett, mit heißem und kaltem Wasser in Badezimmer und Küche, mit Steckdosenerdung und Lift. Und seither wurde halt nichts verbessert, schon gar nicht, da Tradition ja etwas Heiliges hat im Land jenseits des Kanals. Und so sind sie heute die Letzten, nicht nur beim Waschkomfort...“

Toilettenstreit und „Nationalcharakter der Deutschen“

Die deutsche Toilette ist der Austragungsort eines Kulturkampfs: Seit den 1990er Jahren droht zunehmend der Tiefspüler den traditionellen Flachspüler aus seinem angestammten Häuschen zu vertreiben. Tertium non datur – als gäbe es keine dritte Möglichkeit, wird in deutschen Internetforen heftig über die Gewichtung der Nachteile beider den Markt beherrschenden Modelle debattiert. Die trockene Lexikonsprache von Wikipedia ist am besten geeignet, das Nassraumproblem in Worte zu fassen: „Bei einem WC-Flachspülbecken handelt es sich um ein Sitzklo, bei dem sich unter dem Gesäß des Benutzers eine Art Stufe befindet, auf die die Ausscheidungen fallen. Die Ausscheidungen verschwinden erst beim Spülen. Der größte Nachteil dieser Bauart ist die starke Geruchsentwicklung...“

Diesen Nachteil hat der traditionsbrechende Tiefspüler nicht – dafür einen anderen: „Die Ausscheidungen fallen in das Wasser eines Siphons, der sich unter dem Gesäß des Benutzers befindet. Dadurch ist die Geruchsentwicklung gering, weil das Wasser den Kontakt der Exkremente mit der Raumluft verhindert. Ein Nachteil gegenüber dem Flachspüler ist jedoch, dass das Wasser oft an das Gesäß hochspritzt.“

Will man lieber Gestank erdulden oder von unten mit Ausscheidungen und kaltem Wasser bespritzt werden? Diese Wahl fällt wahrlich schwer! Dabei ist längst eine WC-Muschel auf dem Markt, die beider Vorteile ohne die jeweiligen Nachteile zu lösen verspricht – das „Kaskaden-WC“. Ob es hält, was es verspricht, ist schwer herauszufinden, weil es so selten anzutreffen ist. Technische Lösungen sind eben nicht immer auch Lösungen für die Konsumenten – zumindest dann nicht, wenn diese in einen Kulturkampf verwickelt sind, in dem es ihnen ums Prinzipielle geht. Kriege jedweder Art führen zu erstaunlicher Opferbereitschaft auf beiden Seiten – auch wenn sie auf dem stillsten aller Örtchen ausgefochten werden. 



1985 wirbelte der Spiegel mit einem Bericht über den zwanghaft analen Nationalcharakter der Deutschen viel Dreck auf. Die Story basierte auf einer „wissenschaftlich ernst gemeinten“ Studie des Anthropologie-Professors Alan Dundes aus Berkeley: „Die Deutschen, berühmt für ihre Sauberkeit, sind analfixiert.“ Diese nicht eben schmeichelhafte These zur deutschen Volksseele begründet der Autor primär aus der Geschichte deutscher Literatur, in der er eine „skatologische Tradition“ ortet, die von Martin Luther über Grimmelshausen bis zu Günter Grass und Heinrich Böll reiche. Dieser Hang zur Analität werde durch die in Deutschland besonders früh und rigoros praktizierte „Reinlichkeitserziehung“ gefördert – „ein pädagogisches Trauma mit paradoxen Folgen“, das sowohl eine infantile Lust am Dreck und zugleich ein zwanghaftes Bedürfnis nach Sauberkeit hinterlasse. Die traditionelle Bindung der Deutschen an den Flachspüler, der es ja immerhin erlaubt, das eigene Produkt genau zu beäugen und einen narzisstischen Stolz dafür zu entwickeln, ließe sich mit Dundees Theorie gut, wenn nicht allzu gut, erklären.

Starker Tobak, nicht ohne 68er-Geruch, aber immerhin Reizstoff für hitzige Debatten. Vielleicht nur ein Mythos, aber einer, der mit seiner Verbreitung selbst zum nationalen Mythos wurde. Denn schon im linken Diskurs der 1970er Jahre war der Nationalsozialismus selbst in die symbolische Position des „braunen Drecks“ eingerückt. Konservativen wurde zugeschrieben, die wie Dreck anhaftende Schuld verdrängen zu wollen. Dagegen machte man die Fixierung des Blicks auf diese grausige Hinterlassenschaft zu einem Pflichtprogramm, das helfen sollte, gleiche Fehler nie wieder zu begehen. Damit hat der metaphorische Gegensatz von Dreck und Sauberkeit zwar die politischen Seiten gewechselt, durchzieht jedoch bis heute wie eine feine Duftspur den Diskurs über die nationale Identität.

Der Flachspüler, ein Wasserspiegel narzisstischer Selbstbeschau und zugleich Servierteller für das Dejekt als Objekt negativer Selbstrepräsentation, das man in einer theatralischen Inszenierung verwerfen und loswerden kann, ist außerhalb seines kulturhistorischen Kontexts nur schwer zu verstehen (wie ausländische Gäste in Deutschland immer wieder monieren). Zu aufgeladen ist er mit deutscher Geschichte und Mythologie, als dass man ihn umstandslos dem Eindringen internationaler Toilettenmodelle opfern würde. Sein Rückzugsgefecht könnte noch ein Weilchen dauern.


Verändert die Globalisierung die Toiletten der Zukunft?

Niemand kann die Zukunft wissen, aber man kann entweder bestehende Trends in die Zukunft verlängern oder die übergreifenden Veränderungen der Gesellschaft darauf hin befragen, ob mögliche Einflüsse auf einen bestimmten Gegenstand ausgemacht werden können. Dabei findet man Zukunftsthemen, die diskussionswürdig sind. Antworten zu finden bräuchte einen komplexen Prozess, der mit entsprechendem Aufwand verbunden ist.

Die Globalisierung ist fraglos einer der bedeutendsten Veränderungsprozesse der Gesellschaft auf allen Ebenen. Technologie, Information, Ökonomie und Medienkonsum haben nationale und kulturelle Grenzen längst überschritten. Auch die Menschen werden immer mobiler, ob im Business, im Tourismus oder als Ein- und Auswanderer. Die multikulturelle Gesellschaft nach dem Vorbild Amerikas ist immer weniger ein Debattenthema und immer mehr eine Realität. Demoskopen sagen, dass diese kulturelle Durchmischung weiter zunehmen wird.

Wenn die Anforderung an eine Toilette von nationalen Kulturtraditionen geprägt ist, kann man daraus folgern, dass ein wachsender Ausländeranteil gleichzusetzen ist mit dem Anteil der Menschen, denen die nationale Toilettenkultur Komplikationen und Anpassungsbemühungen zumutet. Wird es dazu kommen, dass Soundeinspiel-Geräte, die auf japanischen Damentoiletten zur Übertönung des Plätscherns als unverzichtbar gelten, auch in allen Europäischen Hotels und in den Bürohäusern internationaler Unternehmen zum Mindeststandard gehören? Oder wird im Gegenteil die Globalisierung als Gegenreaktion eine stärkere Betonung regionaler Traditionen auf den Plan rufen, wie dies in der Esskultur zu beobachten war und ist?

Ebenso unbeantwortbar ist heute noch die Frage, wie sich die Globalisierung auf die weitere Karriere des 1962 in der Schweiz erfundenen Dusch-WCs auswirken wird. Denn einerseits hätte es aus technischer Sicht das Zeug, die Bedürfnisse mehrere Kulturen in eine Einrichtung zu integrieren. Blickt man jedoch auf die kulturelle und ökonomische Struktur der Zuwanderer Europas, wird diese high-tech Lösung wohl noch lange zu teuer sein und damit an der Zielgruppe vorbei gehen. Auch die kulturelle Dynamik kann in die eine oder andere Richtung gehen. Integrierende Kräfte stehen Impulsen der Regionalisierung, Ghettobildung und Re-Nationalisierung gegenüber. Aus welchen Toiletten-Modellen die einzelnen Zielgruppen ihre Distinktionsgewinne ziehen wollen, wird sich erst in einem langen und chaotischen Prozess herauskristallisieren, dessen Ergebnis dann immer noch von höchster Komplexität und Multikulturalität charakterisiert sein kann.

Dusch-WCs haben in ihrem Ursprungsland Schweiz, wo auch der Marktführer Geberit beheimatet ist, einen Marktanteil von 10%, in Japan 80% und in Deutschland 1%. Am technischen Funktionieren können diese Unterschiede der Akzeptanz nicht liegen. Ob die japanische Kultur die Duschfunktion so liebt, weil man an sie die Schuld am peinlichen Wassergeräusch delegieren kann, wurde noch nicht erhoben. Immerhin ahnen wir jetzt, warum die Deutschen so wenig Begeisterung für die Springbrunnen des Aborts aufbringen.


Links:
http://oe1.orf.at/artikel/285701
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492723.html



Dienstag, 22. September 2015

Das Rohr



Am Anfang war das Rohr: Vom Baukörper zum Körperbau und retour



Das Rohr ist ein fensterloser Rundbau, der steht oder liegt und weder über Keller noch Dach verfügt. Liegt es, so ist es ein Gang.


Diese Betrachtungsweise ist natürlich grundfalsch. Nur in Kriminalfilmen kriechen Räuber durch Rohre, und Polizisten hinterdrein. Menschenrohre sind außerhalb der U-Bahnen rechteckig gehalten, damit wir uns nicht wie Fuchs und Dachs vorkommen. Gänge gebärden sich rechteckig als Architekturen, um ihren Rohr-Charakter zu dementieren. Sie inszenieren den aufrechten Gang, der Würde halber. Wir wollen schließlich weder rund noch flüssig sein, und Maulwürfe schon gar nicht.


Ein Bauwerk ist ein durchlöchertes kantiges Rohr, das seinerseits zu einem großen Teil aus Rohren besteht und in sich weitere Röhren bildet. Auch diese Betrachtung ist falsch. Hat nicht der Mensch die Höhlen und Erdlöcher vor Jahrtausenden verlassen, um alles Röhrenhafte seiner Existenz hinter und unter sich zu lassen und der durch und durch rundlichen rohrartigen Natur die rechtwinkelige und damit geistigere Architektur entgegen zu setzen? War Architektur nicht initial der Name des Menschheits-Projekts, sich vom Rohrwesen zu emanzipieren? Warum sonst kam Architektur so lange ohne Rohre aus?


Aus einem Rohr kommst du, und in einem Schacht wirst du enden, das ist dein Menschenschicksal. Zwischendurch wirst du selbst ein Rohr sein, das aus tausenden Rohren besteht. Der Blutkreislauf ist noch der vornehmste Kandidat, um hier als Rohrleitungssystem benannt zu werden. Der Mensch ist zwar das einzige Schlauchsystem, das über diese Tatsache reflektieren kann, aber auch das einzige, das davon nichts wissen will. „Gesundheit ist das Schweigen der Organe“, hieß es einst, bevor die Wellness-Idee auch Gesunde davon überzeugte, heilender Mittel zu bedürfen. Man könnte vom Schweigen der inneren Rohre sprechen, wenn man die Bedingung des menschlichen Selbstbewusstseins zu beschreiben versucht. „Ich denke, also bin ich“, dieser Satz gilt nur, wenn ich die Rohre gerade vergessen kann, auf deren flüssigem, staufreiem Funktionieren die Selbstidentifikation als freies Geistwesen aufruht. Bewusstsein könnte man somit auch „Rohrvergessenheit“ nennen. Der Mensch ist eine dichte Packung aus Rohrsystemen, mit der Besonderheit, dies zwanghaft dementieren, verdecken, vergessen, übergehen und übersehen zu müssen. Kleidungsvorschriften sind für jene Körperstellen die verbindlichsten, an denen das Röhrenwesen erkennbar würde. Wo, wie beim Mund, verdecken nicht tunlich wäre, hilft die Sitte, diesen nicht als Schlund erscheinen zu lassen, etwa, indem man sich beim Gähnen die Hand davor hält und Servietten benützt, wenn die Passage der Speisen ins Verdauungs-Rohr-System nicht spurlos funktioniert.


Kultur ist eine große Rohr-Dementi-Veranstaltung. Diese ist auch nötig, wissen wir doch aus der Naturkunde, dass die Entstehungsgeschichte aller komplexeren Lebewesen mit der ersten Rohrbildung in Gang kam. Am Anfang war das Rohr. Ein Klumpen Einzeller entdeckte den Überlebensvorteil eines leeren Zentrums. Mit der ersten Einstülpung wurde ein Nichts zum Etwas, wenn es nur innen lag – im Inneren eines Äußeren. Welch eine Abstraktionsleistung! Ein Wesen wird man, in dem man in sich Etwas und Nichts zu unterscheiden und zu trennen lernt. Das Nichts im Kern des Rohres ist keine bloße Abwesenheit, sondern eine geplante potentielle Anwesenheit. Mit der Rohrform entsteht die Möglichkeitsform, Zukunftsplanung und Steuerungssysteme sind bereits implizit mitgedacht. Etwas, das Inneres von Äußerem zu unterscheiden vermag, nennt man System. Mit der Rohrform war das Prinzip der Differenzierung erfunden, es brauchte nur noch immer weiter auf sich selbst angewandt zu werden. Die Evolution ist das sukzessive Einstülpen und Ausstülpen von Schläuchen aus sich selbst. Und weil jeder Embryo die gesamte Evolutionsgeschichte Schritt für Schritt wiederholt, entstammt jeder erwachsene Mensch nicht nur Rohren, er war auch selbst einmal ganz und gar Rohr, bevor er sich in tausende Rohre teilte.


Ich bin ganz Rohr. Gerade deshalb möchte ich davon nichts wissen. Nichts sehen, hören, spüren und schon gar nichts riechen. Was hilft mir aus dieser Not? Richtig: Das Rohr! Seine Geschlossenheit ermöglicht es, Phänomene der Welt unbemerkbar anwesend zu machen. Das Rohr verschließt, ohne Transport zu verhindern – im Gegenteil, es bahnt, hält weg und hält bereit. Als Verschlussarchitektur lehrt es uns auch gleich, was wir damit machen wollen: es wegschließen und unmerklich machen.


Obwohl das Rohr eine so großartige Erfindung ist, die es verdient hätte, vorgezeigt zu werden und in auffälliger Weise an allen Wänden in Augenhöhe außen montiert zu werden, übertragen wir doch die Kultur der Scham auf die Architektur und lassen die Rohre im Baukörper verschwinden. Damit erst ist die Körpermetapher komplett realisiert: Das aus dem Körper funktional ausgewanderte Rohr wandert in den Baukörper ein, um sich der Wahrnehmbarkeit zu entziehen. In schärfstem Gegensatz zur funktionalistischen Idee der Moderne ist der mit immer mehr Röhrensystemen durchzogene Bau der Gegenwart eine groß angelegte Rohr-Verdeckungs-Inszenierung.


Nichts von dem, was wir in heutigen Gebäuden Wand, Boden oder Decke nennen, verdient noch diesen Namen. Wir gehen auf doppeltem Boden, lehnen uns an die seitliche Verblendung oder Verschalung der Leitungszwischenräume, während über uns die Decke abhängt. Der Innenraum wurde zur Bühnen-Inszenierung eines gebauten Raums, hinter dessen dünnen Kulissen die Versorgungsstränge liegen und laufen. Moderne Architektur ist Blendwerk im Dienste der Rohrverschwindens. Was im Rohr ist, ist doppelt verschwunden. Im Rohr, und in der „Wand“.


Das Ideal des rohrvergessenen Menschen spiegelt sich in der rohrverdeckenden Architektur.


Architektur ist der Name der großen Rohrverschwindensinszenierung außerhalb des Menschenkörpers, sie gehört damit zum noch größeren Verblendungs-Zusammenhang Kultur.


Die Kompetenz des Rohrs, bewegtes Anwesendes so der Wahrnehmung zu entziehen, dass potentielle Anwesenheit bei scheinbarer Abwesenheit entsteht (etwa des Wassers in der Leitung), gehört zu den zentralsten Kulturtechniken des Menschen. Die Unmerklichkeit des Rohrtransports ermöglicht es der Aufmerksamkeit, sich auf abstraktere Gegenstände und Vorgänge zu lenken und auf Gewolltes wie Gestaltetes zu konzentrieren. Rohre entlasten nicht nur von Wegen, sondern auch von Wahrnehmungen. Damit befreien sie die Wahrnehmung für Bewusstes, Schönes und Erwünschtes.


Der Beitrag des Rohrs zur Kultur, Architektur und Geistigkeit liegt im doppelten Verschwinden, das alles Liquide aus der Weltwahrnehmung bringt und schließlich das Rohr selbst in die Wand versenkt.


Das Rohr brilliert mit Unsichtbarkeit. Wir schätzen an ihm den Entzug unerwünschter Erfahrungen, die Kompetenz für den Schein des Verschwundenseins. Nur im Rohr und in Medien kann etwas zugleich anwesend und abwesend sein. Und obwohl das Rohr selbst kein Medium ist, ermöglicht es doch eine Ausfilterung störender Wahrnehmungen. Infolge dieser Ausfilterung erhält die Weltwahrnehmung innerhalb von verrohrter Architektur einen medialeren Charakter. Was nichts anderes bedeutet, als eine Fokussierung des Bedeutenden durch Unterdrückung des weißen Rauschens der Zufälligkeiten.


Schwierig ist es daher, Aufmerksamkeit für Rohre zu gewinnen. Das Rohr ist unter allen Waren diejenige, die geradezu programmatisch sich jedes Appells, wahrgenommen zu werden, enthalten muss.


Rohre sind unsichtbar. Alle Architektur ist Rohr-Architektur. Das Rohr ist die Mutter aller Medien.


Alles Rohr?

Freitag, 19. Juni 2015

Die Sitzbank. Eine kleine Kultursoziologie des Sitzmöbels


Einen ungewöhnlichen Weg beschritt der Büromöbel-Hersteller Wiesner-Hager, um eine Innovation für die Möbelgattung "Sitzbank" zu kreieren: Bevor er einen Design-Wettbewerb für junge Gestalter ausschrieb, beauftragte er mich, das Produkt Sitzbank zu erforschen und durchdenken. Damit folgte Wiesner-Hager der Überlegung, den ersten Arbeitsschritt jedes Designers nicht nur zu rationalisieren, sondern dafür auch ein Maß an gedanklicher Durchdringung sicherzustellen, um das Qualitätsniveau der Einreichungen zu heben, den Wettbewerb effizienter zu machen und damit ein besseres Ergebnis zu erzielen. Nachdenken am Anfang hat schließlich noch selten geschadet, und eine kleine Investition in die Vorbereitung rentiert sich allemal, wenn 140 Designer sie fürs Unternehmen nutzen können. So entstand die Produktanalyse der Sitzbank:


Einladung zum Event der Präsentation der Design-Entwürfe von Wiesner Hager 

Die Sitzbank, eine Raumzone für die Zwischenzeit


Der Begriff Sitzbank unterscheidet nicht etwa die Bank, auf der man sitzt, von Schlachtbank, Datenbank, Werkbank, Samenbank und Kreditinstitut. Er meint vielmehr jene spezielle Sorte von Sitzgelegenheit, die weder Bank noch Stuhl, sondern ein Mischwesen aus beiden ist. Eine zur Bank verwachsene Stuhlreihe. Eine in Stuhleinheiten zergliederte Bank. Sein Vorkommen hat dieses Zwitterwesen im öffentlichen Raum, in Wartesälen, in Büros und Arbeitsstätten – noch nie wurde es im privaten Wohnraum gesichtet. In der Sitzbank zeigt sich somit wie in einem Symptom oder einem Standbild unsere moderne, urbane Auffassung von Öffentlichkeit, verstanden als Inbegriff all jener nichtfamiliären, nichtintimen und nichtprivaten Räume, die eigens für die gleichzeitige Anwesenheit mehrerer Menschen vorgesehen und eingerichtet sind, ohne ein bestimmtes Zusammenwirken oder gemeinsames Sich-auf-etwas-Beziehen dieser Menschen nahe zu legen. Dort also, wo Menschen als Vereinzelte beisammen sind in einer Nähe, die nach Hilfsmitteln der Distanzierung verlangt.

Die Sitzbank ist kaum als Möbel zu bezeichnen, denn es geht ihrer Konstruktion gerade um eine Einschränkung von Mobilität. Sie will die Orte des Sitzens so unverrückbar wie punktgenau fixieren und ist oft selbst fixiert am Boden oder an der Wand. Das macht sie zum Zwitterwesen auch noch in einem weiteren Sinne: mit der Immobilie verwachsen, ist sie halb Architektur, halb Mobiliar. Unentscheidbar war dies schon bei ihrem Urahnen, dem Chorgestühl gotischer Kathedralen.


 Modell "neunzig°" von Wiesner Hager 

Warum tut eine Bank so, als bestünde sie aus einzelnen Stühlen? Thema der Sitzbank ist die Individualisierung, welche hervorzuheben ist, wo Menschen sich ansammeln, ohne sich zu versammeln. Sie reagiert auf die spezifische gesellschaftliche Konfiguration der Moderne: Masse versus Individuum. Darin wird Identität nicht mehr aus einer Stelle in einem systematischen Gefüge (wie etwa Leibeigener eines Grundherrn) abgeleitet, sondern aus der leeren Einzelheit im Allgemeinen, um deren nähere inhaltliche Bestimmung der Einzelne sich selbst kümmern muss, wobei eine Sitzbank ihn unterstützen kann. Die moderne Form der Identität des bürgerlichen Subjekts konstituierte sich in einer Jahrhunderte übergreifenden Körperpolitik der Singularisierung und Distanzierung. Anhand der Geschichte der Gaststätten – als einer alten Form öffentlichen transitorischen Raums – lassen sich die Schritte der Vereinzelung der Körper gut nachvollziehen: Dass die reisenden Gäste einer mittelalterlichen Herberge im Stroh eng beieinander schliefen und die Körperwärme voneinander als einzige Heizung nutzten, fühlt sich für uns modernisierte Individuen als skurril und unvorstellbar an, obwohl erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in den Hotels das Gemeinschafts-Badezimmer verschwand, weil die fortgeschrittene Separierung der Körper ungeteilte Nutzung des Bades verlangte. Wir müssen davon ausgehen, dass bis vor Kurzem soziale und körperliche Distanz anders verbunden waren und sich entsprechend anders anfühlten, wie für uns Heutige. In gewissen Kontexten war Körpernähe offenbar bedeutungsneutral, und zwar im Hinblick auf soziale Distanzen ebenso wie auf intime.

Bildquelle: http://diepresse.com/home/leben/mode/375381/index


Der Gewinn aus dieser langfristigen kulturellen Strategie der Körperdistanzierung war auf der anderen Seite die Entfaltung eines differenzierten Bedeutungs-Kosmos der Intimität. Ein neuer Code koppelte Körpernähe semantisch an jene „Nähe“, die als situatives zwischenmenschliches „Gefühl“ und „Beziehungsverhalten“, als psychosoziales Konstrukt der „Intimkommunikation“ (so nennt Luhmann die Liebe) eine bedeutsame kulturelle Ausdifferenzierung erfuhr. Auch das Seelische, das Innerliche der Verbindung zwischen Menschen braucht äußere Zeichen und Dinge, an denen es sich festmachen und ablesen lässt. Gemeinsam auf einer Bank zu sitzen ist aufgeladen nicht nur vom familialen Raum der Bauernstube mit ihrer Eckbank, wo man zusammenrückt, sondern auch vom modernen Fernsehsofa, dem Paar- und Familienmöbel seit den 70er Jahren. Diese beiden häuslich privaten Familienbänke zeichnen sich dadurch aus, dass das Fehlen vorgegebener Sitzpositionen die Übergänge, Annäherungen und feinen Dosierung jener Intimität ermöglicht wie auch erzwingt, um die es innerfamilial geht, nicht zuletzt im Horizont der Regulierung von Reproduktion. 

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Die Figur des anonymen Einzelmenschen gibt es nur in der Großstadt und an Orten des Transits. Nicht nur in bäuerlichen und dörflichen Sozietäten, auch in der mittelalterlichen Stadt ist, wer nicht persönlich bekannt ist, als ein Fremder kenntlich. Die Verwandlung des Fremden in den bedeutungsneutralen anonymen Nebenmenschen außerhalb aller sozialen Bezugnahmen verdankt sich der Inflationierung seiner Anwesenheit als Folge von Verkehrstechnik und Wachstum der Städte. Grußlos an jemandem vorbeigehen zu können, ohne damit Verachtung zu signalisieren, ist der Kern und Hauptgewinn des Phänomens Urbanität. 

Innovation braucht Reflexion

In Flughäfen, wo die gesteigerte Transitorik zugespitzte Formen von Urbanität kreiert, finden wir daher die Sitzbank besonders häufig im Einsatz. Unter dem weiten Himmel der Wartehalle gliedern die Reihen der Sitzbänke das Terrain ganz städtisch in Geh-Straßen und Sitz-Unterkünfte. Die Sitzplätze machen Platz. Sie sind minimale Wohnsitze im maximalen Gebäude. Wer sitzt, räumt die Passage für die Gehenden, die hier Vorrang genießen. Man könnte von Menschenparkplätzen sprechen, von einem Zwischenlager für das Transportgut Körper in den Stau- und Leerzonen der vom Fahrplan getakteten Zeit. 

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Die Versesselung der Bank kompensiert die Hypertransitorik und Hyperanonymität der Malls, Passagen und Dritten Orte. Sie entlastet von Fraglichkeiten und Kommunikationen, die nur aufhalten würden: Wie viel Raum steht mir inmitten des Massendrucks zu? Wie nahe muss und darf ich mich zu meinem Nebenmenschen setzen, damit dieser mich weder als zudringlich noch als vermeidend empfindet? Diese unentscheidbare Frage kann nur von einem Gestell, das Abstände festlegt, kommunikationsfrei beantwortet werden. Die Dinglichkeit der Sitzbank entsorgt die Schuld aus der Verletzung aller Regeln des sozialen und zwischenmenschlichen Nähe-Ferne-Verhaltens, die der Reisende verinnerlicht mit sich führt, und hier vergessen oder abstreifen muss, um als weltbürgerliche Monade in angemessener Weise sich aufzuhalten. 

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Ginge es bloß um die internationale Konventionalisierung von Körperabstand zwischen Fremden, könnten symbolische Markierungen billiger, offener und spielerischer leisten, was von der Gliederung der Bank in Sitze so aufwendig erzwungen wird. Doch es geht auch um den Bezug des Sitzenden zu sich selbst, der aus dem fehlenden Bezug zum Nebenmenschen nun eben nicht mehr als soziale Identität im Sinne einer Zuschreibung abgeleitet werden kann, sondern nur noch aus der reflexiven Selbstgegebenheit des Vereinzelten, aus seiner leib-seelischen Subjektivität heraus produziert werden muss. Blickt man zurück in die Kulturgeschichte des Sitzens, erklärt sich rasch die Prädisposition der Stuhlform zur Lösung aller von der Bank aufgeworfenen psychosozialen Nöte: Vom Opferstock über den Königsthron, Richter-Stuhl und Bischofs-Sitz ging es diesem Möbel stets um das Hervorheben eines Einzelnen zum Zweck der symbolischen Repräsentation seiner Gemeinschaft, und nicht etwa ums Sitzen als Funktion. Erst die Figur des Bürgers, die sich einerseits von der bäuerlichen Bank absetzt und andererseits vom Monarchen her sich die Würde der ununterworfenen Einzelheit aneignet, um diese ganz ohne genealogische Herleitung künftig für sich zu beanspruchen. 


ZaZen Sitzbank von  Harald Auer 


Das bürgerliche Subjekt zeigt im verrückbaren, positionierbaren Stuhl seine Selbst-Ständigkeit und Unmittelbarkeit zum abstrakt gewordenen Staatsganzen nach der Überwindung des Feudalsystems. Der Bürger ist König in seiner Einzelheit als gleichgeordneter Staatsbürger unter anderen ebenso wie als ökonomisch selbständiger Kunde von Waren. Er ist so einzeln wie ein Held, wenn auch nicht auf dem Feld der Geschichte, sondern nur als Protagonist seiner einzigartigen Autobiographie. Identifiziert ist er nur noch über die Staatszugehörigkeit, alle anderen Beiträge zu seiner Identitätsbildung muss er selber leisten, so lange ihm keine Sitzbank dort stützend zu Hilfe kommt, wo seine Identität - als Unterschiedenheit ohne Grund - unter Druck oder gar in die Krise gerät. 

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Der moderne Weltbürger, die nomadisierende Monade in den Warteschleifen globaler Aufenthalts-Räume, gab bis vor wenigen Jahren meist das typische Bild des Wartenden ab. Die Sitzbank war meist Wartebank, eine Verlegenheitslösung im Sinne einer Lösung des Problems der Verlegenheit in Situationen erzwungener Funktionslosigkeit. Mit ihrer Fixierung der aufrechten Haltung verdeutlichte die Sitzbank, dass sie nur für kurzfristigen Aufenthalt, voll wach und jederzeit bereit zu neuerlicher Aktion, geschaffen ist. Nicht nur zum Liegen und Schlafen ungeeignet, sondern auch am tiefen Entspannen hindernd, hielt sie vom untätigen Sitzenden jeden möglichen Vorwurf der Faulheit fern. Sie brachte vielmehr dessen Körper in eine mittlere Haltung zwischen Anspannung und Ruhestellung, aus der heraus in jede mögliche Richtung potentiell zu agieren begonnen werden kann. 

Entwurf von Roland Ruf, Bildquelle Behance


Die Warteposition verdeutlicht sich als Startposition des Einsatzbereiten. Auf einer Sitzbank träumt man nicht, man fiebert dem Aufbruch entgegen. Der Tonus ist ein auf die allgemeine Dynamik des wachen Arbeitstages gerichteter, entsprechend dementiert die Sitzbank alle Verwandtschaftsbeziehungen zum Schlaf- und Kuschelsofa, zur Chaiselonge, nicht zuletzt zur beschaulichen Parkbank. Auf ihr sitzt man in einer ganz anderen Verfassung, als auf jenen schmalen Holzbänken vor traditionellen Bauernhäusern, die einem nichts tuenden Verweilen dienen, das kein Warten ist. Dieses von allen Zwecken entkoppelte Banksitzen an und für sich, als Zeitform reinen Daseins, ist aus der beschleunigten Welt der Termine, Zeitknappheiten und –Pläne verschwunden. Der Sitzbank fehlt bewusst jede Tauglichkeit zur Kontemplation. Die Ruhe auf ihr will eine aktiv wirkende Passivität, eine in Diensten der Leistung, Mobilität und Beschleunigung stehende Ruhe sein. Der Urahne der gepolsterten Bank, die Ottomane aus dem türkischen Harem, ist nicht bloß vergessen, sondern mit gutem Grund sind all seine Spuren ausradiert. Sich wollüstig räkeln ist nicht das Thema, vielmehr die Optimierung einer getakteten Zeitökonomie. Die Sitzbank füllt die Lücken des auf Lückenlosigkeit ausgerichteten Raum-Zeit-Kontinuums voll mobilisierter Gesellschaften. 

Realisiert: nooi / Wiesner Hager

Der Moderne wurde oft zur Last gelegt, sie habe unter dem Vorwand der allgemeinen Beschleunigung dem Individuum die Last des permanenten Wartenmüssens auferlegt. Entsprechend ungeliebt sind alle Wartebänke dieser Welt, verglichen mit anderen Möbeln. Doch die Ära des Wartens hat jüngst ihr Ende gefunden. Mikroelektronik begleitet und versorgt uns mit jedem gewünschten Interface an jedem Ort zu jeder Zeit. Damit ist auch für die Sitzbank die Zeit ihrer eng gefassten Funktionsbestimmung vorbei. Je nach dem, welches Programm im Notebook oder Handy aufgerufen wird, verwandelt sie sich in einen Bürostuhl, einen Kinosessel, einen Telefonierhocker, einen Musik-Entspannungs-Sessel, in ein Fernsehsofa, eine Spielbank und dergleichen mehr. Und sofern der Sitzende nicht selbst für ein mediales Gegenüber sorgt, das ihm die Leerzeit füllt, ist er zum Ziel von Kommunikation geworden, seit wir in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit leben, in der nicht kommunikativ genutzte Zeit zu einem an die Werbewirtschaft verkäuflichen Gut wurde. 

Edelweiss Industrial Design, realisiert von Wiesner Hager
Das Büro wurde offener und öffentlicher, umgekehrt wurde der öffentliche Raum durchgängig zu einem potentiellen Büro. Seit Bürotechnik mobil wurde, gibt es kein Nicht-Büro mehr – Büro ist überall dort, wo sich Gelegenheit zur Immobilität bietet. Die Zukunft der Sitzbank hat damit neue Perspektiven gewonnen. Sie geben die Richtung vor für die nächsten Schritte der Innovation.

Auf dem Event zur Siegerpräsentation liest der Autor seinen Text über die Sitzbank, dieser findet damit seine Zweitverwertung fürs Spektakel und für die Pressemappe.








Dienstag, 7. April 2015

Die Marke Ytong. Eine Liebesgeschichte.


Meine Wiederbegegnung fand auf einer Baustelle statt. Im Vorbeigehen erblickte ich ein Gelb, das mir Kindheitserinnerungen in den Kopf und ein Lächeln ins Gesicht zauberte: Ytong! Meine Erstbegegnung fand 1970 statt, als der Nachbar das erste Haus im Dorf aus Ytong-Steinen baute. Man muss sich in den Geist und die Ästhetik der 70er Jahre zurück versetzen, um die Faszination zu verstehen, die von dem neuen Baustoff ausging. Damals war der Fortschrittsglaube noch unversehrt, alles Traditionelle und Natürliche lehnte man ab, während das Künstliche, Technische und Chemische die Menschen in Euphorie versetzte.



Sowohl in der Architektur wie auch im Design waren Formen, die nicht zusammengesetzt, sondern fugenlos homogen wie aus einem Guss erschienen, groß in Mode. Sie symbolisierten das Ideal einer grenzenlosen Machbarkeit, die sich sogar von allen menschlichen Mühen des Zusammenstellens und Erarbeitens lösen wollte. Alle modernen Dinge sollten aussehen, als kämen sie aus einer Zukunft, in der allein der Gedanke des Designers genügte, um eine Form in Materie umzugießen. Die Dingwelt des Plastikzeitalters wollte den Eindruck erwecken, sie sei aus einer göttlichen Glückspastatube hervorgequetscht.



In diesem Kontext sah der gute alte Backstein ziemlich altbacken aus. Ytong hingegen verkörperte alle Ideale der Zeit: Fugenlosigkeit, zumindest annähernd. Homogenität in sich. Anti-Traditionalität und Künstlichkeit in der Farbe Weiß. Technizität in der abstrakten Geometrisierung. Chemie im damals modisch knalligen Gelb der Verpackung. Damit war jedem Kind der 70er Jahre beim ersten Anblick klar, dass Ytong ein Name für Modernität und Fortschritt ist. Der Buchstabe Ypsilon, der sich von einer dänischen Stadt ableitet, passte perfekt zur Ästhetik: da er im Deutschen als Anfangsbuchstabe eines Worts oder Namens kaum vorkommt, vermittelte er sofort den Traditionsbruch und das radikal Neue.




Der damalige Design-Kontext lässt sich am besten am Beispiel Luigi Colani illustrieren, der in seinem 1973 erschienenen Buch „YLEM“ eine komplette Zukunftswelt entwarf, in der alles zwischen Teekanne und Wolkenkratzer aus einem weißen homogenen Material unbekannter Herkunft zu bestehen schien. Mit seiner radikalen Design-Utopie ging er so weit, sogar die Menschenkörper umzuformen. Ausgehend von der Annahme, dass die Zukunftsmenschen weniger körperlich und mehr geistig arbeiten und die mit dem Produktivitätszuwachs gewonnene große Freizeitmenge für Lust und Sex verwenden würden, zeichnete er hochgewachsene dürre Körper mit überdimensionierten Köpfen und Geschlechtsorganen. YLEM war der Versuch, Darwinismus und Machbarkeitsglauben im Plastik-Guss zu verschmelzen. YTONG projizierte die Qualitäten des Plastik, Homogenität und modische Knallfarben, in die Welt des Baumaterials.



Als ich im Freundeskreis fragte, welche Assoziationen das Stichwort Ytong weckt, wurde mein erster Eindruck bestätigt: Die ersten drei Befragten antworteten sinngemäß mit „das war doch so ein 70er-Jahre-Ding...“ Der vierte vermutete ein Material für Innen- und Trockenbau.

Das Thema begann mich zu interessieren. Wie kam es, dass nach einem Start, der alle Zukunft versprach, bis heute weiterhin überwiegend mit Ziegeln gebaut wird? Markenstrategisch betrachtet, befindet sich Ytong in einer ambivalenten Situation. Misstrauen, ob man mit leichten und porösen  Quadern wirklich komplette mehrstöckige Gebäude bauen kann, steht extrem hoher Markenbekanntheit und emotional positiver Erinnerung gegenüber.



Wie könnte Ytong es schaffen, den Ziegel zu einem zweiten Wettkampf herauszufordern? Im Xella-Konzern steht Ytong neben etlichen anderen spezialisierten Marken. Sie ist die populärste und wäre damit gut geeignet, sich auf den Endverbraucher zu beschränken und diesem nur noch anzubieten, was er ihr zutraut und was sich nachvollziehbar und plausibel kommunizieren lässt: die Innenwand. Anstatt den Markt von der eigenen Sicht, Ytong sei der beste Baustoff für große Siedlungen, überzeugen zu wollen, wäre es weniger anstrengend, sich der gewachsenen Erwartung des Konsumenten zu fügen, um die uralte Liebesbeziehung zur Marke wieder aufleben zu lassen. Dies wäre für die Marke eine Strategie der Resonanz, des harmonischen Mitschwingens und der Wiederherstellung einer ungetrübten Beziehung mit dem Kunden von heute. Dieser ist nämlich mit dem Erfolgsrezept der 1970er Jahre nicht mehr erreichbar. Er lehnt es sogar ab, seit technischer Fortschritt weniger wiegt als „Natürlichkeit“, was auch immer das sei. Der Ziegel hat in der kulturellen Wahrnehmung 3000 Jahre Vorsprung dort, wo es um die Metapher des verlässlichen äußeren Schutzes, also der Außenmauer geht. Seine althergebrachte Authentizität lässt ihn als gewachsen und damit gleichsam näher dem Natürlichen erscheinen. Egal, wie gut Porenbeton aus funktionaler Sicht gleiches leistet, wird er auf sinnbildlicher Ebene vom Ewigkeit versprechenden Ziegel stets abgehängt werden. Anders bei Innenwänden, von denen eine dynamisierte Patchwork-Gesellschaft weniger Festigkeit, dafür aber mehr Veränderbarkeit verlangt. Die 70er-Jahre-Wurzeln hätten das Potential, im aktuellen Retro-Look kommuniziert eine sympathische Assoziation mit dem Wohnstil  zu knüpfen.




Gegen den Ziegel mit Messwerten zu argumentieren, ist zwar notwendig, erreicht die Herzen der Konsumenten jedoch nicht.  So individuell deren Sehnsüchte auch empfunden werden, bleiben sie doch geprägt von ihrer Geschichte und Kultur. 


Ziegel sind Ziegel? Die Marke macht den Unterschied.


Den klassischen Ziegel im heutigen Sinne gab es nicht erst bei den alten Römern, sondern schon 2800 vor Christi. Zeit genug, dass sich in jedes Menschenhirn eingebrannt hat, was ein Ziegel ist. Sprichwörtlich wurde, dass ein Ziegel dem anderen gleicht. Im Zeitalter der Marken stand der gebrannte Ziegel vor der Herausforderung, gebrandet zu werden, um als einzigartig wahrnehmbar zu werden. Wienerberger hat das früh begriffen und ist heute Weltmarktführer.


Meine erste Begegnung mit Wienerberger hatte ich 2004. Die Wiener Agentur Büro X hatte mich beauftragt, an der Konzeption des Geschäftsberichts mit zu arbeiten. Vom Unternehmen kam eine klare Positionierung und Selbstdefinition als Briefing (was äußerst selten ist): „Wir machen keine besseren oder anderen Ziegel als alle anderen, wir gehen mit der Organisation der Herstellung, der Logistik und des Vertriebs geschickter um, was zum Ergebnis führt, dass wir mehr Wert aus dem Ziegel generieren. Deshalb ist unser Claim Building Value – wir bauen Wert auf.“



Dieses auf der Ebene der Identität gewonnene Alleinstellungsmerkmal nahm ich für die Entwicklung meines Konzepts beim Wort und suchte nach einem metaphorischen Beispiel für die Idee, aus einfachen Ziegeln die höchstmögliche Wertsteigerung zu erzielen. Fündig wurde ich bei der Kunst. Dort entdeckte ich, dass es Skulpturen aus Ziegeln gibt. Künstlerisch miteinander verbunden, zeigten die Ziegel einen geradezu explodierenden Wertzuwachs. Ich schlug vor, dem Geschäftsbericht die Form einer fiktiven und augenzwinkernden „Kunstgeschichte des Ziegels“ zu geben: „Building Values. Art History of the Brick from Stonehenge to Wienerberger Geschäftsbericht 2004“.



Leider hatte der Chef von Büro X eine noch bessere Idee, wie ich (neidlos? sicher nicht!) zugeben muss. Andreas Miedaner erdachte mit dem „Langweiligsten Geschäftsbericht“ ein mit Preisen übehäuftes Konzept, das es unter die 20 besten Geschäftsberichte der Welt schaffte und sogar bis 2011 weiter gezogen werden konnte. Hohe Auffälligkeit und witzig kommunizierte Markensouveränität machten die Broschüre in der Finanzwelt zum Tagesgespräch.



Doch die Welt wandelt sich stetig und der Ziegel mit ihr. Nach Jahrtausenden der Ruhe wurde auch der gute alte Ziegel vom Zeitgeist der Innovation mit gerissen und begann, sich für vielerlei Zwecke und Anforderungen zu differenzieren. Porotherm als Sub-Marke von Wienerberger ist das beste Beispiel für den Trend zur Spezialisierung, der so weit geht, dass dafür sogar zusätzliche Marken benötigt werden. In der Folge änderte Wienerberger auch sein Selbstverständnis, seine Ausrichtung und Positionierung. Ab 2009 bewegte sich das Unternehmen vom Ziegelhersteller zum internationalen Baustoffkonzern: „Wienerberger reicht es nicht, der größte Ziegelhersteller der Welt zu sein, deshalb wandelt sich das Unternehmen zum Anbieter hochwertiger Produkt- und Systemlösungen für energieeffizientes Wohnen.“



Der Ziegel als Titelheld der Geschäftsberichte passte nicht länger zur neuen Identität, das machte 2011 ein grundlegend neues Konzept für die Darstellung des Unternehmens nötig. Auch der Claim wurde ausgewechselt. Statt „Building Value“ lesen wir nun „Building Material Solutions“ unter dem Logo.



Im ersten Schritt hat die Marke das Produkt so abgebildet, dass damit eine Differenzierung zwischen Marke und Ziegel, mehr noch: eine deutliche Abhebung und Distanzierung kommunizierbar wurden. Die damit abstrahierte Marke wurde fit für den zweiten Schritt der Abstraktion, der sie allgemein genug erscheinen ließ, um einen neuen Inhalt, ein vielfach erweitertes Produkt- und Leistungsangebot, überdachen zu können


Samstag, 4. April 2015

Intelligentes Material. Das Un-Ding, dem die Zukunft gehört

Was bedeutet überhaupt "Material"? Ist es das Gegenteil eines "Dings"? Ist es das Realste, was es gibt, oder eine reine Abstraktion und philosophische Spitzfindigkeit? Und ist es nicht paradox, von "intelligenten Materialien" zu sprechen? 


Material ist stumm. Das war von Anfang an so, denn schon der Urknall, in dem es entstanden sein soll, konnte nicht nur deshalb nicht gehört werden, weil es noch keine Ohren gab. Dieser Knall war kein lautliches Phänomen, er ist von Anfang an eine Metapher des Anfangs, eine Matrix / Mutter der Existenz alles Materiellen überhaupt.

Material bewegt sich nicht von selbst. Es ist passiv, träge, schwer und ruhend. Eine Totgeburt der Schöpfung, nichts als unförmiger Widerstand.

Material ist dumm. Selbst wenn es knarzt, weil es sich doch mal dehnt oder spannt, gibt es zwar Laut, ist aber immer noch stumm, weil dumm. Es hat uns nichts zu sagen.

Derzeit ist eine Revolution in Gang, die erste lautlose Revolution der Geschichte: Das Materialzeitalter ist angebrochen, und kaum einer hat davon gehört. Und doch: „Intelligente Materialien“ sind schon zum Schlagwort geworden! Zwar weiß man nicht, was dieser Ausdruck bedeuten soll, aber er hat Charme. Besticht er doch mit der Paradoxie, Intelligenz jenem Phänomen zuzusprechen, das unter allen Phänomenen dieser Welt das garantiert unintelligenteste ist: dem rein Stofflichen. Das klingt unterhaltsam, macht kurz Karriere in Medien, und ist schon wieder stumm – materialgerecht, könnte man sagen.

Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit – lang ist es her, dass Epochen nach Materialien benannt wurden. Heute erleben wir einen Stafettenlauf von Leittechnologien, die einander in immer schnellerer Folge ablösen in ihrer Faszinationskraft der Öffentlichkeit. Dampfmaschine und Eisenbahn prägten noch ein Jahrhundert, ebenso später das Automobil. Wie lange währte das Zeitalter des Fernsehens? Das des Computers, des Internet, der Gentechnologie, der drahtlosen Konnektivität elektronischer Minigeräte? Zu einem Medienhype bringt es technologische Innovation nur dann, wenn sie sich ins Gewand alter mythischer Bilder hüllen und mit überbordenden Heilsversprechen ausstatten kann. Die Gene versprachen erneut Zugriff auf den Wesenskern, der vernetzte Multimedia-Desktop platzierte das gute alte Auge Gottes auf den Schreibtisch, das Handy mutiert gerade zum universalen Zauberstab. Dass tote Dinge zum Leben erwachen können, zu sprechen beginnen und sich als beseelt (im Sinne von selbsttätig) erweisen, ist uns aus Märchen, Mythen und Träumen vertraut und aus der interaktiven Gerätewelt mittlerweile alltäglich gewohnt. Doch es sind stets Dinge, Objekte, denen wir lebendige Aktivität und auch intelligentes Kommunizieren zutrauen. Das Material ist eine Stufe des Seins unterhalb der Dinge, ist bloß das, woraus die Dinge gemacht sind. Wie sollte das Material selber aktiv und reaktiv auftreten können? Nicht einmal im Traum oder im Zeichentrickfilm kann Material ohne Objektform auftreten und als Nachtgespenst durchs Zimmer tanzen. Material bleibt prinzipiell stumm, dumm, träge und unanschaulich formlos. So sehen wir es als übrig gebliebener Bodensatz antiker Philosophien, frühneuzeitlicher Naturwissenschaften und praktischer Diskurse der Ingenieure. Wie sollte nun dieser dunkle amorphe Klumpen des Ungebrauchten plötzlich als „intelligent“ charakterisierbar geworden sein?


Auch wenn die mikroelektronischen „smart devices“ in ihrer Funktion und ihrem Innenleben für uns undurchschaubar sind, projizieren wir doch alltäglich unseren Maschinenbegriff des 19. Jahrhunderts in sie hinein und trösten uns über ihre Unanschaulichkeit damit hinweg, dass sie eben zu klein und zu kompliziert sind, um als Maschinen nachvollziehbar zu sein. Wir leben mit Black Boxes, kümmern uns nur noch um die Interfaces und begnügen uns mit dem Wissen um ein paar Anwendungen, die wir gern nutzen. Das Innere der elektronischen Maschinen hat sich verdunkelt, in der Black Box ist es so finster wie im Inneren eines Faustkeils. Haben sich die Maschinen dank Miniaturisierung nicht den Materialien angenähert, zumindest in der Alltagswahrnehmung?

Material ist unsichtbar. Hat schon jemand Materie ohne Form gesehen? Auch Rohstoff hat eine Form, eine rohe Form. Material nennen wir etwas, an dem wir eine Form wahrnehmen und den abstrakten Gedanken daran knüpfen, dass eine Form aus etwas bestehen muss. Material ist somit die Abstraktion eines Aspekts wahrgenommener Formen. Wir können nur Formen wahrnehmen, niemals Materialien. Und doch sind wir gewohnt, im Material dasjenige zu erblicken, was uns den Realitätsstatus einer Formwahrnehmung garantiert und diese von der bloßen Erscheinung, von medialer Repräsentation oder halluzinatorischem Trugbild unterscheidet.

Wir leben in einer materiellen Welt, haben ein materialistisches Weltbild, orientieren uns nach materiellen Werten und gleichzeitig kommt uns der Materialbegriff abhanden. Das ist beinahe schon tragisch. Postmaterialismus und die Entdeckung des Immateriellen bieten wenig Trost. Die Philosophen haben den Begriff Materie schon lange zu den Akten gelegt. Die Physiker versorgen uns seit hundert Jahren mit Todesnachrichten dieses Begriffs, der sich um so mehr auflöst, je genauer man ihn erforscht. Nostalgisch blicken wir zurück in jene Zeit, als das Atom (griechisch „atomos“ = das Unteilbare) noch als unteilbares kleinstes Teilchen der Materie galt. Man konnte sich ein materielles Ding darunter vorstellen, nur zu klein, um es mit freiem Auge zu betrachten. Ein kleines Ding, aus dem die größeren gebaut sind. Doch dann wurde es nicht nur geteilt und wieder geteilt, auch die Teilchen der Teilchen waren gar keine richtigen Teile mehr in dem Sinne, dass man sie sich wie Bauklötze vorstellen konnte. Die ganze Baumetaphorik des materialistischen Weltbilds stürzte ein! Worauf kann man aber noch bauen, worauf sich verlassen, wenn die Teilchen auch bloße Wellen oder überhaupt nur noch Wahrscheinlichkeiten auftretender Effekte und Anwesenheiten sind?

Die Physiker des 19. Jahrhunderts haben uns durch die Erforschung der Materie letzte Gewissheit, und damit Wahrheit über die Wirklichkeit versprochen, um dann im 20. Jahrhundert uns das Fundament jeglicher Realität, die wir auf die Idee der Materie gegründet hatten, unter den Füßen wegzuziehen. Die Atomisierung des Atoms in nichtmaterielle, nur aus messbaren Reaktionen maschineller Versuchsanordnungen modellhaft konstruierter und nur noch statistisch mathematisierbarer „Elementarteilchen“ zählt zu den großen Kränkungen des Menschen durch die Wissenschaft. Verstoßen aus dem Zentrum des Universums, selber bloß ein komplexeres Tier mit einem Geist wie eine Maschine und einer Seele, die nicht einmal Herr im eigenen Hause ist, verschwindet nun auch noch die Materie als Träger und Realitätsgarant aller Erscheinungen. Der Wille zum Wissen hat – nach einem kurzen manischen Delir in der Hochzeit des Materialismus, dem 19. Jahrhundert – sich in ein Zauberlehrlings-Syndrom verwickelt und wird die Folgen der Entzauberung nun nicht mehr los. Was trägt noch, wenn sich selbst die einst so handfeste, alltagsrobuste Materie als bloße Abstraktion und Illusion erweist?

In Brüssel wurde jüngst das Atomium aufwendig restauriert – als Denkmal einer vergangenen Epoche (des Atomzeitalters!) zieht es Touristen an, weil es als modernistische Absolutheitsinszenierung historisch geworden ist. Mater Materia, den „Atombusen“ damals innovativ mit „Bikini“ (benannt nach jenem Atoll, auf dem die Atombomben getestet wurden) geschmückt, nährte Hoffnungen auf endgültige Herrschaft über alles Materielle und – in Bombenform – über alle Länder der Erde gleich mit. Hast du das kleinste Teilchen, kannst du die Welt in ihre Einzelheiten zerlegen und neu zusammenbauen, so lautete die atomare Vision einer zweiten Schöpfung aus menschlicher Allmacht. Aufklärung, metaphorisch ein Programm, durch Zerteilen der Phänomene Licht in die dunkle Materie zu bringen, schien an ihr Ziel gelangt, und damit in ihre Krise. Der Griff ins Feste griff ins Leere. Denn zwischen den Teilchen ist leerer Raum – ein Mikrokosmos, dem Endlichkeit ebenso abgeht wie dem Makrokosmos.

Seither sind wir pragmatischer geworden mit unserem Wissen, versuchen nicht mehr, Alltagswissen mit Naturwissenschaft und Philosophie unter einen Hut zu bringen, und haben das Wort Wissen heimlich und systemwidrig in den Plural versetzt. Für das Hantieren mit Gebrauchsgütern, Artefakten, Rohstoffen und Werkzeugen sind wir zu Descartes und Marx zurück gegangen und haben beschlossen, die Vision des Atomiums trotz besseren Wissens beizubehalten. Nur so können wir unseren Glauben aufrecht erhalten, dass es eine materielle Welt gibt, der gegenüber man sich vernünftig und realistisch verhalten kann, und daneben etwas Nichtmaterielles, Geistiges, mit dem man sich beschäftigen kann, nachdem die Arbeitswoche vorbei ist. Als real gilt immer noch, was „man angreifen kann“, weil es aus Materie besteht. Das trifft zwar nur auf Festkörper innerhalb des menschlichen Gebrauchs zu, ist aber deshalb umso praktischer. Dieser simplen Ordnung zufolge wurde oft (selbst von Hegel in einer dunklen Minute) die Luft dem Geistigen zugeordnet, und nicht dem Materiellen. Praktisch eben (wenn auch nicht unter Wasser gültig...).

Mit dieser „realitätstüchtigen“ Entkoppelung der Alltagsbegriffe Materie und Material von Wissen und Reflexion ließe es sich gut weiter leben, wenn nicht die Alltagswelt selber von neuen Technologien in einer Weise verwandelt würde, die eine Anpassung der Begriffe und Vorstellungen von Realität an diese Realität nötig machte, um weiterhin die eigene „Welt“ zu verstehen. So ist es etwa immer noch gewöhnungsbedürftig, in Medien nicht etwas Geistiges, sondern etwas Materielles zu sehen, obwohl bereits ein großer Teil der uns umgebenden Oberfläche im Stadtraum Medienfläche ist.

Ebenso verschwinden zusehends jene Maschinen, die noch aus Teilen zusammengesetzt waren, welche aus Material gefertigt waren, die mechanischen Maschinen also, aus unserer Lebenswelt und werden durch elektronische Geräte ersetzt. Um einen Computerchip zu begreifen, ist jedoch ein kybernetischer Maschinenbegriff nötig, und der kommt ohne jeden Bezug zu einer bestimmten Materie aus, weil er nur mathematische Operationen und Steuerbefehlsketten umfasst.

Ausgestattet mit Mikroelektronik kommt uns der auf Materie, Ding, Maschine, Teil etc. basierende Realitätsbegriff gerade dort abhanden, wo er sein letztes praktisches Refugium gefunden hatte – im alltäglichen Umgang mit der Dingwelt, mit allem, was der Mensch angreifen kann.

Denn in der Hand halten wir meist das Handy, und in diesem wird Information in einer Weise prozessiert, die man ebenso gut als materiell wie als geistig beschreiben kann, wenn man denn alte Begrifflichkeiten weiter ziehen will. Silizium-Kristalle, in dünnsten Schichten gestapelt, ordnen schwache elektrische Ströme, die sich im Zusammenwirken mit deren Struktur selbst organisieren (Steuerung der Steuerung der Steuerung...). Und auch wenn man einen Chip nicht als intelligentes Material bezeichnet, so ist er doch das zentrale Symptom unserer technischen Kultur für die Konvergenz von Information und materieller Struktur zum medialen Objekt.

Es sind die neuen Dinge, die wir handhaben, die uns metaphysische Dualismen wie „Geist und Materie“ zunehmend abgewöhnen, nicht nur auf der Ebene der Philosophie, sondern des Verständnisses von Gebrauchsanweisungstexten. Die Informationsmaschinen sind nur von ihrer Informationsebene her zu begreifen, sie bestehen aus informierter Materie und das Programm ist in ihnen zum strukturierten Ding verfestigt. Die materielle Struktur ist Information, und die Information existiert nicht außerhalb einer informierten Materie.

Damit ist ein Modell des Verständnisses von Realität erreicht, das neue Sichtweisen auf das Phänomen Material eröffnet, deren Folgen, als technische Erfindungen, gerade erst zu wuchern beginnen. Die Materialwissenschaften sind im Aufwind, weil mit der Verabschiedung eines metaphysischen Vorverständnisses und aller baulichen Metaphern heute Fragestellungen möglich sind, die noch vor Kurzem undenkbar waren. In den wissenschaftlichen Modellen, die bei technischen Entwicklungen zur Anwendung kommen, bekommen philosophische Konzepte weit reichende praktische Wirkungen. Intelligentes Material muss denkbar sein, damit eine Versuchsanordnung konzipiert werden kann, in der sich die Möglichkeit schließlich als Wirklichkeit erweist.

Der alltagspraktische Begriff von Material hat bisher im Bereich des Bauens seine am wenigsten problematische Geltung behalten können. Umgekehrt ist die Erfahrungswelt des Bauens immer schon der metaphorische Bezugsrahmen, aus dem der Begriff Materie seine evidente Sinnhaftigkeit in Philosophie und Naturwissenschaft bezogen hat. Die Frage, „aus was etwas ist“, hat im Baugeschehen eine fraglose Relevanz.

Doch auch das Bauen wird komplexer. Steine oder Ziegel wie Atome aneinander reihen und auftürmen ist nicht mehr für alle Bauten charakteristisch. Schon bei der statischen Konstruktion eines Gefüges von Verstrebungen materialisiert sich eine Rechenoperation in einer Weise, die eine Unterscheidung von Information und Materie unsinnig erscheinen lässt. Umso mehr, als nun auch intelligente Materialien, die auf Veränderungen ihrer Umwelt reagieren, zunehmend in Bauten Verwendung finden.

Damit diese Entwicklung weiter voran geht, bedarf es nicht nur ausreichender Information zur Sachkenntnis. Es muss auch ein neues Verständnis von dem, was Material heute überhaupt heißt, erlangt werden, um gedanklich die heute materialisierte Intelligenz in die eigenen Gestaltungsansätze und Herangehensweisen zu integrieren.

Intelligentes Material denken zu lernen, ist heute nicht nur eine philosophische, sondern eine berufspraktische Herausforderung für alle, die Wirklichkeiten gestalten. Denn wer wollte nicht den Materialien, die er verwendet, gedanklich gewachsen sein?

Die Baustelle. Warum das Lieblingsärgernis des Stadtbewohners auch Freude machen kann.


Die Baustelle ist die häufigste und emotionalste Erlebnisform von Veränderungen der Infrastruktur im Stadtraum. Sie provoziert meist Ablehnung, vor allem bei Straßenbau- und Großprojekten. Doch sie kann auch Freude bereiten, wie jene Menschen beweisen, die lange Zeit an Bauzäunen stehen, um zuzuschauen. Schutthaufen, Ziegelstapel, Kräne und Mischmaschinen bestimmen das Bild. Was macht sie so einladend, dass wir gerne verweilen? Womit weckt die Baustelle unsere Schaulust?



Das moderne Leben wird schnell gelebt. Auch als Zuschauer medialer Unterhaltungsangebote haben wir steigende Ansprüche an die Geschwindigkeit, den Abwechslungsreichtum und die Intensität der Dramatik. Die im Musikvideo und Werbeclip entwickelten raschen Schnittfolgen prägen heute auch den Film und das Fernsehen. Sogar Texte unterliegen einem zunehmenden Druck zur Kürze, um noch gedruckt zu werden. Die Spanne der Aufmerksamkeit wird kleiner, ihre Anforderung an Kurzweiligkeit wächst. Umso erstaunlicher ist es zu beobachten, dass das Bestaunen einer Baustelle sich gegen die multimediale Konkurrenz aller Schauangebote halten kann. Nach dem Vorbild der Berliner Infobox auf dem Potsdamer Platz, die sich zum Touristenmagnet entwickelte, wurde in Wien der höchste hölzerne Aussichtsturm der Welt gebaut, um die Großbaustelle Zentralbahnhof gebührend ins Visier nehmen zu können. Was aber will man dort sehen?

Als Bühnen des Entertainment sind Baustellen ungemein handlungsarm. Ihre Protagonisten bleiben gesichtslos. Der Plot kommt zwar stetig, aber in solcher Langsamkeit voran, dass der Zuschauer den Sinnzusammenhang einzelner Vorgänge gar nicht herstellen kann. Vielleicht erzeugt dieses Ratespiel die Spannung? Im Baustellentheater sehen meist Wartende Wartenden zu. Dramatik und Bühnenbild könnten öder nicht sein. Die Aufführung dauert Jahre. Und der Erzählstoff des Stücks ähnelt dem des Telefonbuchs: viele Personen, wenig Handlung.

Die Baustelle ist das unspektakulärste Spektakel der Welt. Trotz der inflationären Häufigkeit ihres Vorkommens ist und bleibt sie eine Ausnahmeerscheinung, und zwar eine programmatische. Ihre lokale und zeitliche Unterbrechung unserer ansonsten fest gefügten Welt spricht als Thema die Menschenseele an. So wenig diese Wüste bildlich hergibt, so viel an Sinnbildlichkeit spendet sie uns. Gerade weil es in Erdhaufen und Ziegelstapeln kaum Bedeutsames zu erspähen gibt, lädt uns die Baustelle ein zur Projektion und metaphorischen Füllung der Lücke, die sie ins Wiedererkennbare und Wohlgeordnete schlägt. Alles Anwesende verweist auf noch Abwesendes und provoziert einen Brückenschlag durch die Fantasie. Wir staunen, gerade weil nichts zu sehen ist außer dem gewaltigen Abstand zwischen Schutt und gerenderter Vision. Wir erblicken das Chaos und sind zugleich daraus gerettet vom Wissen, einen hochgradig geplanten und funktional geordneten Ort vor uns zu haben. Jede Anhäufung von Material ist mit Bedacht gewollt und wartet auf ihre sinnhafte Verwendung, die nur dem Zaungast Rätsel aufgibt. Und wenn die Arbeiter nichtstuend herumstehen, sind sie nicht etwa faul, sondern gehorchen damit einem exakt durchökonomisierten Aktionsplan, der bloß momentan ihr Warten erzwingt. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts war das freilich anders. Der biertrinkend untätige Bauarbeiter war am Beginn der sozialdemokratischen Ära eine politische Ikone von alltäglicher Anschaulichkeit.

Auch wenn heute auf Baustellen rascher und ökonomisierter gearbeitet wird als je zu vor, wirkt das Geschehen in der Außenperspektive dennoch wie in Zeitlupe, denn zu fern liegt das große Ergebnis, als dass die tausend Schritte dahin sich zu jenem lebendigen Bild des Bauens synthetisieren ließen, das man zuletzt als Kind mit LEGO-Steinen erlebt hat. Überspitzt gesagt sieht man auf Baustellen Vieles, nur nicht, dass etwas auf nachvollziehbare Weise aufgebaut wird. Das Errichten einer Ziegelmauer ist jene Ausnahme, welche diese Regel bestätigt. Doch diese Bauweise ist bei Großbauten selten geworden und nimmt auch bei Einfamilienhäusern den kleinsten Teil der Gesamtbauzeit ein. Montage ist an die Stelle des Auftürmens getreten. Die damit gestiegene Komplexität erfordert einen höheren Grad an Organisation, der vom Bauzaun besehen jedoch den Eindruck des Unzusammenhängenden und Chaotischen noch verstärkt. Die Baustelle staut nicht nur den Fluss des Verkehrs, sondern auch den der Zeit. Die Baulücke ist zugleich eine Lücke im Zeitregime, sie hat ihren eigenen Takt und weiten Horizont. Der Bauzaun markiert eine Schwelle, an der zwei Zeitlichkeiten aneinander geraten. Anders als der Actionfilm, dessen Montage die alltägliche Taktung überschreitet, fasziniert die Baustelle dank Unterschreitung des Lebensflusses. Damit überbietet sie ästhetisch den Zeithorizont des Betrachters. Dem „Verein zur Verzögerung der Zeit“ stünde es gut an, Wallfahrten zu Großbaustellen zu organisieren.

Verführung des Bodenlosen

Der Bauzuschauer sieht von seinem festen Standplatz aus auf ein Terrain, dessen Bodenfestigkeit prekär ist. Lockere Erde, Schlamm, Gruben und Schächte gefährden den sicheren Tritt von unten, Gerüste, Kräne und Traversen verunsichern hoch oben das Stehen und Gehen. Bauen ist eine vertikale Herausforderung nicht nur des Gleichgewichtsorgans, sondern auch des metaphorischen Sinns für die Verlässlichkeit des irdischen Daseins auf dem Boden der sogenannten Realität. Die Baustelle zieht uns gleichsam existenziell den Boden unter den Füßen weg. Auf dem hohen Gerüst sehen wir den übermütigen Ikarus in seiner Gefährdung. In der Tiefe der Baugrube begegnen wir allen Assoziationen des Unterirdischen, vom der Gruft über das Verlies bis zum schaurigen Keller, vom Hades bis zum Höllenreich. Unter der Erde liegt, zumindest für die kindliche Seele (und das, was von ihr im Erwachsenen fortlebt), ein imaginärer Raum des Dunklen, der sich mit Projektionen der Angstlust füllt. Nicht ohne Grund spielen die meisten Horrorfilme ebenso wie Videospiele im Untergrund, in jenen Kellergeschossen, wo Vampire, Dämonen, Folterknechte, Teufel, Ahnen und Klopfgeister aller Kulturen nichts als zuhause sind.

Wo Mutter Erde sich auftut, fürchtet man, von ihr verschlungen zu werden – wer hätte Ähnliches noch nicht geträumt? Vor allem tiefe Baugruben, wie die von U-Bahn-Stationen, kann man zwar vernünftig betrachten, untergründig jedoch nur als Abgrund erfühlen. Von unten her wird dem Beschauer somit einiges an Affektabwehr abgefordert. Diese emotionale Distanzierung wird szenisch im Bauzaun, der dinglichen Differenzlinie zwischen Bühne und Zuschauerraum. Der Zaun sichert nicht nur die körperliche Integrität. Sein Gitter rahmt auch jene Szenerien, in denen der Kranführer zum zauberkräftig fernwirkenden Helden, der Bagger zum phallisch durchdringenden Berserker mutiert. In der Spielwarenindustrie zählen Baufahrzeuge und –werkzeuge zu den Klassikern der Beliebtheit. Ihr Potential, dem Jungen durch Materialdurchdringung und Erdbewegung das Gefühl zu geben, weltbewegend zu wirken, macht sie zum Kultgerät schlechthin für die Initiation zur Männlichkeit. Baustellen sind gewaltig und gewalttätig gegenüber Materie und Natur. Das weckt jenen erotischen Schautrieb, der sich schon in der Kindheit daran entzündet, sehen zu wollen, was „darunter“ ist. Die Erde will durchbohrt sein. Unter ihrer dünnen Kruste west das Unterbewusste dichter als anderswo.

Erde ist staubförmige Vergangenheit, gespeist aus Abrieb von Steinen und Resten abgestorbenen Lebens. Tote Biomasse, der unsichtbar Keim und Nahrung zu neuem Austreiben und Erblühen innewohnen. Der Mensch begegnet auf der Baustelle jenem Staub, der er ist und dereinst werden wird. Grabung rührt an Gräber – wo sie dies nicht nur imaginär, sondern real tut, treten die Archäologen auf den Plan und stören den Zeitplan. Beim Aushub für den Wiener Zentralbahnhof wurde ein Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg ausgegraben und sogleich ins nahe Heeresgeschichtliche Museum übersiedelt. Die Leichen im Keller der Gesellschaft kommen ans Licht und mancherlei Bomben haben ihre Sprengkraft bis heute bewahrt. Das Unterirdische ist ein Speicher des objektiven Gedächtnisses. Für Archäologen ist es wie ein Stück alter Text, der zu entziffern ist, weil er Geschichte erzählt. Unsere Vorgeschichte, die unser Fundament bildet, unsere Wurzel und unser Archiv.

Das Erhabene und die Kunst

Die Baustelle ist ein ästhetisches Ereignis, wenn sie als solche betrachtet wird. Es ist jedoch nicht die Ästhetik des Schönen, die zum Verweilen des Blicks und zur Kontemplation verführt. Im Gegenteil: ihre sprichwörtliche Hässlichkeit, ihre unverschämte Durchbrechung des (wenn auch nur vom Bemühen her) durchkosmetisierten Stadt- oder Landschaftsbilds, ihr vollständiger Mangel an Fassadenhaftigkeit und Adressiertheit an ein ästhetisch ambitioniertes Auge ist der Skandal, aus dem sich die visuelle Faszinationskraft speist. Die Baustelle ist der Ästhetik des Hässlichen zuzuordnen. An ihrer reinen Funktionalität, die uns Einblick gibt in die gesichtslosen Eingeweide der Konstruktion unserer Welt, erfahren wir, wie stark alles Andere ästhetisierend überformt ist und wie sehr unser Sehen heilender Verhüllungen des Seins bedarf. Sie führt uns die Fassadenbedürftigkeit des Menschengeschlechts vor Augen.

Das Rohe, das Brutale und das Chaos erhalten dank Baustelle in der dichtest zivilisierten Menschheitszone Stadt ihren kontrastierenden Ort der Szenifikation – eine Stelle des Ungestellten, die erst im Auge des zur Kontemplation aufgelegten Beschauers sich zum Schaubild zusammen stellt. Die Fähigkeit zur Synthesis des Wahrgenommenen wird von der Größe, Vielgestaltigkeit und Unordnung der Baustelle herausgefordert, wenn nicht überfordert. In der Theorie der Ästhetik firmiert der Reiz solch überbordender Phänomene unter dem Begriff des Erhabenen. Dieser bezeichnet – mit den Worten Friedrich Schillers – „ein gemischtes Gefühl, eine Zusammensetzung von Wehsein und Frohsein“. Erweckt wird es durch „alles Große, Kraftvolle, Mächtige, sofern wir uns ihm gegenüber klein dünken“ (Eisler). Die Komponente der Unlust resultiert dabei aus der “Unangemessenheit unseres Vermögens der Größenschätzung“, während wir angenehm empfinden, dass die „furchterregende Großheit“ und Macht über uns keine Gewalt hat, sofern uns der Bauzaun die Distanz sichert, die das ästhetische Wohlgefallen benötigt, um Erschreckendes zu genießen. Denn erhaben ist, wie der Philosoph Burke formulierte, „was die Vorstellung von Schmerz und Gefahr für uns zu erwecken vermag und auf irgend eine Weise schrecklich erscheint“.

Das Schöne, schrieb Immanuel Kant, „betrifft die Form des Gegenstandes, die in der Begrenzung besteht; das Erhabene ist dagegen auch an einem formlosen Gegenstande zu finden, sofern Unbegrenztheit an ihm, oder durch dessen Veranlassung, vorgestellt und doch Totalität derselben hinzugedacht wird«. Klarer lässt sich die Ästhetik der Baustelle in einem Satz nicht zusammen fassen.

Der Mangel an Form und Schönheit, das ambivalente Gefühl angesichts des unüberblickbar Gewaltigen einer Großbaustelle und die Schwierigkeit, sich ein klares Bild von ihr zu machen, provozieren eine Fülle kompensatorischer Versuche zur Verschönerung. Wovon man sich (wie von Gott) kein Bild machen kann, davon und dafür muss man Bilder machen. Hobbyfotografen können der Versuchung kaum widerstehen, an der unregelmäßigen Regelmäßigkeit aufgehäufter Stahlgitter und Betonrohre alte künstlerische Erfindungen wie Abstraktion und Verfremdung nachzuvollziehen. Sie wollen dem Unschönen durchs Wählen eines Ausschnitts Schönheit abzwingen, um sich als kreative Individualisten zu gerieren. Ebenso beliebt ist das Sujet „nackte Frau auf der Baustelle“, mit welchem etwa die Fotografin Susanne Hölzel „die weibliche Verletzlichkeit zum Ausdruck bringen“ will, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete – wenn auch nicht im Feuilleton, sondern wegen des Skandals, den die Ausstellung in einer Bayerischen Kleinstadt provoziert hatte.

Die Ambivalenz gegenüber dem Anblick macht sich am Bauzaun fest. Er schützt vor der Hässlichkeit und wird gern mit Bildern „geschmückt“. Behinderten-Kunst, Kindergarten-Malerei und Graffiti erfreuen sich großer Beliebtheit, wenn auch nur Seitens der Veranstalter und Ausführenden. Auch Künstler engagieren sich oder werden für „Kunst am Bauzaun“ engagiert, im großen Stil etwa 2005 in der „Hafencity Hamburg“. Der Erfolg ließ sich nur danach bemessen, wie rasch die Bilder geklaut waren. Meisterwerke der Baustellen-Kunst sind selten. Heimo Zobernigs Staubnetz, das nur das Logo des Sponsors Generali abbildete, schrieb Kunstgeschichte. Sehr gelungen ist die Schriftlösung von Richard Hoeck mit Guckloch und der Aufschrift „you can´t stop looking at this“ (Innsbruck 2009). Mein persönliches Lieblings-Bauzaun-Kunstwerk stammt von Stephanie Hartung, es erinnert mich an Lucio Fontana. In die Abdeckfolie des Zauns hat die Künstlerin Löcher geschnitten. Durch sie fällt auf ultimativ künstlerische Weise der Blick auf das geordnetste Chaos der Welt.